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Projekt des Monats Juni: Ärztemission in Kamerun

Unterwegs gegen Buruli

Seit 2007 reist ein Schweizer Ärzteteam ehrenamtlich für FAIRMED in das Spital von Ayos in Kamerun, um Buruli-Behinderungen zu operieren. Die unabhängige Journalistin Albertine Bourget hat sie begleitet.

Ein aufgeregtes Treiben herrscht im Spital von Ayos, 120 Kilometer östlich der Hauptstadt Yaoundé. Im Gang warten zehn Kranke, die meisten von ihnen Kinder. Als sie von der Ankunft des Schweizer Ärzteteams erfahren haben, kamen sie aus der ganzen Region, aber auch aus dem Norden und Westen des Landes. Einige von ihnen leiden schon seit Jahren unter den verheerenden Folgen von Buruli. So bewegt sich Elisabeth Mengue nur auf einem Bein fort, indem sie sich auf einen grossen Stock stützt. Die 29-Jährige war sechs, als das Geschwür ihr Bein befiel und das Knie versteift hat. Trotz ihrer Behinderung lächelt sie und nickt energisch, als ihr der Chirurg Thomas Fischer die Risiken der Operation erklärt – der Verlust des Beines. «Ich habe keine Angst. Ich möchte operiert werden.» Begleitet wird sie von ihrem Mann Daniel. Er sagt mir, dass er sie geheiratet hat, «weil sie in Gefahr war, weil sie von ihrer Familie ausgebeutet wurde.» Heute ist er stolz auf sie. Elisabeth hat ihm drei Kinder geschenkt. «Und auf dem Feld sammelt sie mehr Erdnüsse als alle anderen.»

Seit mehr als 20 Jahren kann Elisabeth nur noch mit einem Stock gehen.

Elisabeth muss noch warten, bis sie erfährt, ob sie für eine Operation ausgewählt wird. Das Team nimmt sich zwei Tage Zeit, um alle Kranken zu untersuchen. Die Auswahl ist schwierig. Kinder unter 15 Kilo werden grundsätzlich ausgeschlossen, da das Risiko einer Vollnarkose zu gross ist. Für andere ist es zu spät, eine Operation würde nichts nützen. Eine weitere Handvoll lehnt die Operation aus Angst ab. «Wir sind dankbar für eine Ablehnung», räumt Thomas Fischer ein, «es sind so viele …».

Die grosse Zahl der Patienten ist paradoxerweise ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass sich die Einstellung der Menschen zu Buruli verändert hat. Denn Buruli wird noch viel zu oft als Bestrafung für Schlechtes betrachtet, das man anderen angetan hat. Die Sensibilisierungskampagnen, die FAIRMED vor mehreren Jahren lanciert hat, tragen Früchte. Die Freiburger Physiotherapeutin Valérie Simonet verbringt im Auftrag von FAIRMED jedes Jahr mehrere Wochen in Kamerun. «Als ich 2003 zum ersten Mal hierher kam, musste man die Leute in den Dörfern suchen und sie hierher zwingen, um sie zu pflegen», erzählt sie. «Man hat mich für verrückt gehalten, als ich anfing zu zeigen, dass man mit Physiotherapie sehr gute Ergebnisse erzielen kann. Zudem gab es keine Schmerzmittel. Man hörte oft das Schreien der Kinder, wenn die Verbände gewechselt wurden. Das war brutal. Ich erinnere mich an ein kleines Mädchen, das schrie ‹nehmt mir meinen Arm ab!›, so unerträglich war der Schmerz.»

Es hat sich zwar einiges gebessert, aber es sieht noch immer nicht rosig aus. Ich werde nie das Schluchzen der 4-jährigen Branda vergessen, als ihr eitriges Geschwür am Arm gereinigt wurde. Das kleine Mädchen wurde als Notfall vom Gesundheitszentrum Ngouantet gebracht. Doch für eine Hauttransplantation ist es noch zu früh, die Wunde ist noch zu gross. Jeden Tag muss Branda deshalb die Wunde reinigen und den Verband wechseln lassen. Unter dem Schock blieb das Kind in den ersten Tagen nach seiner Ankunft stumm und folgte nur wie ein Schatten Christelle, einer 11-jährigen Patientin, der es anvertraut worden war, da seine Eltern nicht das Geld hatten, um es hierher zu begleiten.

Inzwischen haben Ruth Enzler und Martina Banic, Krankenschwestern im Inselspital Bern, den Operationssaal eingerichtet. Im Gepäck des Teams sind Hunderte Kilo an Ausrüstung, Antibiotika und anderen Medikamenten. «Wir machen professionelle Chirurgie und dürfen uns keine Improvisation erlauben», erläutert Thomas Fischer. Die Gebäude des Spitals, ein nationales Referenzzentrum für die Behandlung von Buruli, sind neu, aber es mangelt an moderner Ausrüstung. Dreissig Patienten müssen daher zum Röntgen in die Hauptstadt Yaoundé geschickt werden. Um hier arbeiten zu können, muss man anpassungsfähig sein und Geduld unter Beweis stellen. 

Am dritten Tag beginnen die Operationen. In einem Gang begegne ich Elisabeth, sie strahlt. «Ich werde morgen operiert!», ruft sie. Thomas Fischer, der in Bern eine Privatklinik für plastische und ästhetische Chirurgie leitet, nachdem er zuvor am Inselspital praktiziert hat, und Michael Rometsch, Facharzt für Handchirurgie, der in Basel in einer Klinik der Hirslanden-Gruppe arbeitet, reagierten 2007 auf einen Auftruf von FAIRMED. Die beiden Ärzte einigen sich schnell auf die zu operierenden Fälle und auf die Vorgehensweise. Dasselbe Vertrauen eint auch die übrigen Mitglieder des Teams. «Die Stimmung spielt eine grosse Rolle», betont Doktor Rometsch. «Wenn wir nicht so eng zusammengeschweisst wären und so tolerant untereinander, wäre alles viel schwieriger.» Und Thomas Fischer fügt hinzu: «Wir sind rund um die Uhr zusammen und haben Arbeitstage von 10 bis 12 Stunden. Kommunikation und gegenseitiges Verständnis sind von entscheidender Bedeutung.» Die Kameruner Ärzte und Krankenschwestern assistieren bei den Operationen. Zu ihnen gehört Thomas Kombang. Dieser Pfleger wurde ganz in der Nähe als Kind leprakranker Eltern geboren. «Ich bilde mich hier in der Praxis weiter. Es motiviert mich, den Menschen hier helfen zu können.»

Die Tage sind lang, eine Operation folgt der anderen. Für die Schweizer ist der Kontrast erschütternd. «In der Schweiz sind die Eltern Tag und Nacht da. Hier sind die Kinder allein, während sie warten und wenn sie wach werden. Sie weinen auch nicht, wenn man ihnen eine Spritze gibt. Das ist beeindruckend», seufzt Jacqueline Nicolet, Anästhesistin im Inselspital Bern. «Das ist ein intensives Erlebnis,» erzählt Ruth Enzler. «Wir sind weit weg vom Luxus und von unseren kleinen Alltagssorgen. Hierher zu kommen, hat mich reifer gemacht.» Vor dem Operationssaal treffe ich die kleine Carelle, die mit ihrer Verspieltheit und ihrem strahlenden Lächeln das ganze Team gerührt hat. Der Knöchel des Kindes muss operiert werden. Doch da war es vorbei mit dem Lächeln. «Hast Du Angst?» Sie protestiert entrüstet: «Ich habe Hunger». Es ist alles in Ordnung – sie hat sich an die Anweisung gehalten, mit leerem Magen zu kommen.

Jean-Didier, 11 Jahre, wird am linken Fussknöchel operiert. «Als die Schwellungen vor drei Jahren begannen, hat man ihn auf einheimische Weise behandelt, mit Pflanzensalben. Er hatte grosse Schmerzen. Die Wunde ist geheilt, aber er ist zum Krüppel geworden», erzählt seine Mutter Marcelline. Am Tag nach seiner Operation sieht der Junge schon besser aus. «Ich hatte ein wenig Angst, aber ich habe nicht geweint! Ich glaube die Operation wird klappen.» Er kann es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, die Schulkameraden wiederzusehen. Beim Aufwachen aus der Vollnarkose ist ‹Danke› Elisabeths erstes Wort. Trotz des grossen Stifts, der ihr Bein hält und den sie sechs Monate behalten muss, wird sie das Spital bald verlassen. Ihre Familie und ihr Erdnussfeld warten auf sie. «Es ist hart, sie gehen zu lassen, aber wir haben keine andere Wahl», erklärt Thomas Fischer.

Wenn der Abend gekommen ist, lässt der Druck nach. Das kleine Haus, in dem das Team untergebracht ist, erschallt vor engagierten Diskussionen und vor ausgelassenem Gelächter, wenn eine riesige Kakerlake durchs Bad flitzt oder wenn das – kalte – Wasser wieder mal nur zögerlich aus dem Hahn fliesst. Bald wird das Team in die Schweiz zurückkehren. In Ayos geht der Alltag wieder seinen Gang. Die Kinder werden in dem kleinen, von FAIRMED finanzierten Klassenzimmer weiterhin Lesen und Schreiben lernen, auch wenn sie das gelegentlich unterbrechen müssen, um ihren Verband wechseln zu lassen. Der Abend bricht herein, ein Schrei ertönt. «Essen! Essen!» In kürzester Zeit drängt sich ein Schwarm von Kindern um den Küchentisch. Nach einem schnell gesprochenen Gebet – «einfach um etwas Ordnung schaffen», sagt der Koch – verschafft sich jeder einen Teller mit Fischsuppe und Brot und ist sofort wieder verschwunden. «Bei der Rückkehr sagt man sich, das war ein Tropfen auf den heissen Stein», erzählt Michael Rometsch. «Doch wenn man die Freude der operierten Patienten sieht, spürt man, dass der Aufwand sich gelohnt hat, und man kommt wieder.» Dieses Jahr schon im Juni.

Lesen Sie mehr über Buruli.

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Schon 30 Franken reichen für Bandagen zur Wundversorgung nach der Operation. Mit 4 x 100 Franken kann eine Krankenschwester in der Behandlung von Buruli-Patienten vor Ort ausgebildet werden.

Elisabeths Knie wird operiert.


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