
Der Begriff fasst im Kern eine Gruppe von vernachlässigten tropischen Krankheiten (Neglected Tropical Diseases, NTDs) zusammen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie fast nur arme Menschen mit einer geschwächten Gesundheit betreffen und dass kaum Forschungsgelder vorhanden sind. Auch sind sie meist eher chronisch im Verlauf und unterscheiden sich so von den akuten Tropenkrankheiten wie z.B. Ebola oder Westnil-Fieber. Viele dieser Krankheiten könnten mit einfachen Mitteln bekämpft werden, aber das Geld fehlt, um Medikamente und Wissen zu den betroffenen Menschen zu bringen.
Wegen ihrer Häufigkeit stehen die folgenden 7 NTDs im Vordergrund: Die Wurmerkrankungen Ascariasis, Trichuriasis und Hookworm (Soil-transmitted helminth infections), die Bilharziose der Blase und des Darms (Schistosomiasis), die Elefantiasis (Lymphatic Filariosis), das Trachom und die Flussblindheit (Onchocerciasis). Weiterhin zählt man zu den vernachlässigten Krankheiten: Die Leishmaniasis, die südamerikanische Chagas-Krankheit und die afrikanische Schlafkrankheit (beides Trypanosomiasen), die Lepra, das Buruli Ulcus und den Medinawurm (Dracunculiasis). Eine erweiterte Liste beinhaltet auch das Denguefieber, die Erkrankungen durch Treponematoden, die Leptospirose, die Stronglyoidiasis, die Trematodeninfektionen, die Neuro-Cysticercose, die Krätze und weitere chronische tropische Krankheiten.,
Die vernachlässigten tropischen Krankheiten sind typische Krankheiten der Armut. Sie gehören zu den häufigsten Infektionen unter den fast 3 Milliarden Menschen, die von weniger als 2 USD pro Tag leben müssen. Man findet diese Krankheiten hauptsächlich in den armen ländlichen Gebieten und den städtischen Slums Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Am schlimmsten ist Afrika südlich der Sahara betroffen. Dort wüten fast alle vernachlässigten tropischen Krankheiten gleichzeitig und zudem gibt es fast keine Gesundheitsprogramme zur vorsorglichen Behandlung.
Wir führen seit 2007 in der Elfenbeinküste zwei Projekte, die sich gezielt der vernachlässigten Krankheiten bei rund 40‘000 Kindern und Erwachsenen annehmen. In Kamerun und der Zentralafrikanischen Republik beziehen wir diese Krankheiten in alle unsere Gemeinde- und Basisgesundheitsprojekte mit ein, und in Indien sind sie ein wichtiger Schwerpunkt der Slumprojekte. Ausserdem sind alle unsere Massnahmen gegen Lepra und Buruli Bestandteil des Kampfes gegen die vernachlässigten Krankheiten.
Um zu sagen, wie viele Menschen betroffen sind, kann man einerseits schauen, wie viele Menschen akut gefährdet sind, daran zu erkranken (Population at Risk), und andererseits kann man zählen, wie viele Menschen tatsächlich zu einem bestimmten Zeitpunkt daran erkrankt sind (Prävalenz). Gefährdet durch die vernachlässigten tropischen Krankheiten sind bis zu 4 Milliarden Menschen (besonders durch Ascariasis), die geringste Verbreitung hat die Chagas-Krankheit mit nur 25 Millionen gefährdeten Menschen. Die Krankheit mit der höchsten Prävalenz, d.h. die Krankheit an der am meisten Menschen leiden, ist der Wurmbefall bei 600 bis 800 Millionen Kindern. Die seltenste vernachlässigte Krankheit ist der Medinawurm. Mit nur noch etwa 10'000 aktiven Erkrankungen steht er möglicherweise kurz vor der Ausrottung.
Für die meisten vernachlässigten tropischen Krankheiten gibt es heute wirksame Medikamente, die nicht viel kosten. Mit diesen kann man sowohl heilen als auch vorsorglich behandeln (präventive Chemotherapie). Die Entwurmung eines Kindes oder die Behandlung einer Bilharziose zweimal pro Jahr kostet weniger als einen Franken. Durch sogenannte Rapid-Impact Packages können bei einer vorsorglichen Behandlung gleich mehrere Krankheiten gleichzeitig bekämpft werden.
Besonders wirksam ist die Form der Massenbehandlung (Mass Drug Administration), bei der eine ganze Bevölkerungsgruppe so vollständig wie möglich die Medikamente einnimmt und so den Befall durch eine Vielzahl von Krankheiten reduziert. Sind durch die Krankheit aber Behinderungen entstanden wie Lähmungen, Verkrüppelungen oder Blindheit, können nur noch aufwändige Massnahmen (Operationen, Rehabilitation) die Lebensqualität der Betroffenen wieder herstellen.
Theoretisch könnte man vernachlässigte Krankheiten, für die es wirksame Medikamente gegen die Ursache gibt, durch Massenbehandlungen mit kombinierten Medikamenten ausrotten (siehe vorangehende Frage). In der Praxis bleibt nach solchen Behandlungen aber immer ein Rest von Unbehandelten zurück und es gibt auch immer einige nicht völlig beseitigte Erreger, da die Medikamente nicht 100% wirksam sind. So kommt es nach einer bestimmten Zeit wieder zu einer Zunahme der Infektionen. Aus diesen Gründen müssen solche Massenbehandlungen regelmässig (ein- bis zweimal pro Jahr) über einen langen Zeitraum durchgeführt werden, um die Menschen gesund zu erhalten und die Krankheit dauerhaft zurück zu drängen.
Um die Krankheit auszurotten, bedarf es meist eines Impfstoffes, der die Krankheit vollständig verhindert. Auch möglich wird die Ausrottung, wenn man den Übertragungsweg unterbrechen kann. Dies ist z.B. beim Medinawurm der Fall. Er braucht offene Wasserstellen, um sich zu verbreiten, sodass eingefasste Brunnen oder Pumpen den Infektionskreislauf unterbrechen. Den Erreger kann man zudem leicht aus dem Trinkwasser herausfiltern. Der beste Weg der Ausrottung aller vernachlässigter Krankheiten ist aber die Beseitigung der Armut, unter der die Menschen leiden und welche die Ursache für die schlechten sozialen, hygienischen und gesundheitlichen Lebensbedingungen ist.
DALY steht für Disability Adjusted Life Years (behinderungsadjustierte Lebensjahre). Es handelt sich um ein Bemessungsverfahren, bei dem errechnet wird, wie viel gesunde Lebensjahre einem Menschen durch seine Krankheit verloren gehen. Auf diese Weise kann man die Folgen von chronischen Krankheiten und von Behinderungen messen. Ein Beispiel: Ein gesunder Mensch und ein schwer leprabehinderter Mensch mögen in einem afrikanischen Land die gleiche Lebenserwartung von 55 Jahren haben.
Durch die Behinderung gehen aber dem Lepraopfer viele Jahre gesundes Leben verloren, so dass er eventuell nur 30 „normale Jahre“ hat und gegenüber dem Gesunden 25 DALYs verliert. Die Lepra hat ihn damit 25 DALYs gekostet. Pro Jahr rechnet man weltweit mit einem Verlust von 200'000 DALYs durch die Folgen von Lepra, womit die Behinderung von ca. zwei bis drei Millionen Lepraopfer ausgedrückt wird.
Die Millenniumsziele (Millennium Development Goals, MDGs) wurden 2000 von den Vereinten Nationen verabschiedet. Sie beschreiben in 8 Oberzielen (Goals) Vorgaben bei der Bekämpfung von Armut, Krankheit und Umweltzerstörung sowie zur weltweiten Förderung von Entwicklung bis zum Jahr 2015. Die 8 Oberziele werden durch 18 Unterziele (Targets) ergänzt, welchen Messgrössen (Indicators) zugeordnet sind. Die MDGs sollen durch die Weltgemeinschaft bis zum Jahre 2015 verwirklicht werden. Bezugswerte für die Messgrössen sind die Basisdaten des Jahres 1990.
Das Jahr 2007 war die Halbzeit bei der Erreichung der Millenniumsziele. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sieht es so aus, als ob viele Länder in Südamerika und in Asien die Ziele erreichen könnten. Für Afrika sind die Prognosen eher düster. In nur wenigen Ländern gibt es echte Verbesserung (z.B. Ghana, Tansania), in vielen aber sogar deutliche Verschlechterungen im Vergleich zu 1990 (z.B. Simbabwe, DR Kongo).
Die Ottawa Charta (Englisch/Französisch) zur Gesundheitsförderung wurde im Jahre 1986 von der Weltgesundheitsorganisation WHO verabschiedet. Gesundheitsförderung ist nicht Früherkennung oder blosse Verhütung von Krankheiten, sondern beschreibt einen Prozess, der Gesundheit aktiv fördert.
Zentrale Bedeutung bei der Gesundheitsförderung hat das Konzept „Enable, mediate, advocate“, das umschreibt, wie gesunde Lebenswelten geschaffen und erhalten werden sollen. Die Lebensbedingungen können Menschen sowohl gesund machen und erhalten als auch krank machen. Gesunde Lebenswelten sind dabei gekennzeichnet durch die Befähigung des Einzelnen und der Gemeinschaft, sich gesund zu erhalten (Enable). Gesunde Lebenswelten können für die Menschen aber nur in vernetzter Zusammenarbeit aller dafür verantwortlicher staatlicher Sektoren (Bildung, Gesundheit, Arbeit, Stadtplanung, Sicherheit, etc.) und auch von Nichtregierungs-Organisationen erreicht werden (Mediate). Schliesslich soll den Menschen dabei geholfen werden, gesunde Lebenswelten für sich zu schaffen und sich durch Mitsprache in der Gesellschaft dafür auch aktiv einzusetzen (Advocate). Die Ottawa Charta hat seit ihrer Verabschiedung viele Folgeinitiativen ausgelöst. Die Agenda 21 zur Nachhaltigkeit von Entwicklung ist nur eine davon. Auch das weltweite Netzwerk Medicus Mundi ist ein Kind dieser Bewegung.
Für unsere Projektarbeit bedeutet Gesundheitsförderung, dass wir die Lebensbedingungen der Menschen ins Zentrum stellen und mit den Menschen gemeinsam an Wegen arbeiten, wie sie ihre Gesundheit selber verbessern und erhalten können. Gemeindegesundheit (Community Based Health Care) ist einer der Schwerpunkte unserer Projektarbeit. Wir unterstützen die Menschen auch dabei, ihre gesundheitlichen Rechte besser einzufordern zu können.
Es geht nicht darum, eine einzelne Krankheit möglichst schnell durch externe Fachleute zu bekämpfen, sondern die Menschen zu befähigen, ihre Probleme selber zu definieren und eigene Wege für ein besseres und gesünderes Leben zu finden. Dieser Prozess mag zwar länger dauern als eine schnelle Intervention von aussen, hat aber eine bessere Chance, das Leben der Menschen nachhaltig zu verbessern.