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Indien

In Indien gibt es die meisten Leprapatienten der Welt. Jeder zweite Leprakranke wird dort gefunden. Zusätzlich zu den Hunderttausenden neuen Kranken, die jedes Jahr gefunden werden, leben in Indien ca. zwei bis drei Millionen Menschen, die zeitlebens an Leprabehinderungen leiden.

Die Zahl der von den staatlichen Diensten gemeldeten Leprafälle ist in den letzten Jahren erstaunlich schnell zurückgegangen und hat sich seit 2006 kaum noch verändert. 2003 waren es noch gut 370’000 registrierte Neuerkrankungen. In den Folgejahren 2007 und 2008 waren es jeweils etwa 135‘000. Dieser Absturz mit anschliessendem «Plateau» gibt Experten weltweit zu denken, denn er ist medizinisch kaum möglich und deutet darauf hin, dass in der Berichterstattung und bei der Registrierung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Dieser Verdacht wird durch eine Studie von 2007 zur Leprahäufigkeit in der Umgebung von Mumbai unterstützt: Auf jeden registrierten Kranken kamen bei aktiver Suche 5 bis 7 Kranke, welche nicht registriert waren. Diese Untersuchung könnte darauf hinweisen, dass es auch woanders in Indien eine grosse Zahl unentdeckter und unbehandelter Leprakranker geben könnte.

Mängel bei der Integration der Lepradienste

Seit 2003 hat jeder Leprapatient in Indien das Recht, sich bei irgendeinem Gesundheitsposten untersuchen und behandeln zu lassen. Jeder Gesundheitsarbeiter sollte genügend Wissen über Lepra haben. Leider fehlen aber oft die nötigen Kenntnisse, um Lepra zu diagnostizieren oder gefährliche Komplikationen während der Behandlung rechtzeitig zu erkennen. Viele Leprakranke wenden sich deshalb immer noch an die Lepraspitäler, die es noch immer in ganz Indien gibt.

Unsere Lepraspitäler: Hilfe für Behinderte und Verhütung von Komplikationen

Die von uns in Indien unterstützten Spitäler behandeln jährlich fast 10'000 Leprakranke. Meist sind es Menschen mit Behinderungen oder akute Leprainfizierte mit Komplikationen bei der Behandlung. Vergleichbare Dienste können nur sehr wenige staatliche Spitäler anbieten, da ihnen einerseits die technischen Hilfsmittel und anderseits das notwendige chirurgische und physiotherapeutische Know-how fehlen, um komplexe Behandlungen und Rehabilitationen durchzuführen.

Prävention von Behinderung und Rehabilitation

Wer von Lepra verkrüppelt wird, braucht lebenslange Hilfe. Lepraopfer sind vor allem von Geschwüren, Beinamputationen und Blindheit bedroht. Mit gelähmten und gefühllosen Händen und Füssen können diese Menschen nur schlecht auf dem Feld, in der Fabrik oder im Haushalt arbeiten und durch wiederholte Verletzungen können sie Finger und Zehen verlieren.

Mit einfachen Mitteln kann dem vorgebeugt werden. An unseren Spitälern lernen die Patienten, sich selber um ihre gefühllosen Glieder zu kümmern. Wir finanzieren Verbandspakete und verteilen einfache Schuhe, die mit ihren speziellen Sohlen die Füsse schützen. Nach Amputationen versorgen wir die Betroffenen mit Prothesen. Bei schweren Muskellähmungen helfen komplexe Operationen, die Beweglichkeit wieder zu gewinnen. Wir unterstützen auch die soziale Eingliederung der Lepraopfer durch Kleinkredite. Damit können sich Betroffenen eine eigene Existenz aufbauen und trotz Behinderung ein eigenständiges Leben führen.

Weitere Informationen zu Lepra

Gesundheitsdienste für Arme

Alle unsere Spitäler in Indien haben als reine Lepraspitäler begonnen, stehen heute aber allen Armen offen, die sich sonst keine Behandlung leisten können. Heute behandelt man in den Spitälern auch allgemeine Hauterkrankungen, Menschen mit Tuberkulose oder kranke Säuglinge und Kinder. Viele bieten auch Hilfe bei komplizierten Geburten und bei chirurgischen Notfällen an.

Nachhaltigkeit durch angepasste Nutzergebühren

Für die ganz Armen sind die Behandlungen gratis, ansonsten werden die Behandlungskosten dem Einkommen der Patienten angepasst. So versuchen unsere Spitäler, durch flexible Behandlungspreise ihre Dienstleistungen teilweise selber zu finanzieren und unabhängiger von unseren Zuwendungen zu werden.

Neue Stadtgesundheitsprojekte für Arme

In Indien leben noch drei von vier Menschen auf dem Land. Der Zustrom der Armen in die Städte geht jedoch ungebremst weiter. Die grössten Slums der Welt findet man in Indien, besonders berüchtigt ist dabei Mumbai, die 15-Millionen-Metropole am arabischen Meer. Dort leben über die Hälfte der Menschen in Slums, teilweise in schon recht etablierten Häusern mit bescheidener Infrastruktur, meist aber in zerfallenden Hütten. Die Bewohner der Slums haben oft keinen Zugang zu sauberem Wasser, eine Kanalisation gibt es nicht. Medizinische Dienste sind selten oder weit entfernt und deshalb schwer zugänglich.

Die Menschen in den Slums sind kränker als die ländliche Bevölkerung. Tuberkulose, Typhus, Denguefieber, Durchfall und Lungenentzündungen sind im Slum besonders häufig und führen oft zum frühen Tod.

Wir führen seit 2006 ein Projekt für die Menschen in den Slums von Mumbai durch. Seit 2010 kümmern wir uns auch in Goa um die Schattenseiten des Traumsträndestaates: in grässlichen Slums leben die im Tourismus beschäftigten Gelegenheitsarbeiter und ihre Familien in unwürdigen Verhältnissen. Schwerpunkt beider FAIRMED Slumprojekte in Indien ist dabei, Frauen zu unterstützen, sich selber zu organisieren (siehe Kasten links). Dadurch können wir die Lebenslage und die Gesundheit von vielen Tausend armen Kindern, Frauen aber auch Männern verbessern.

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Bainganwadi Slum Projekt

Frauen helfen Kranken und verbessern die Lebensbedingungen in ihrer Nachbarschaft. Das ist der Schlüssel für ein besseres Leben im Slum von Bainganwadi, das wir seit 2006 unterstützen und das von der lokalen Partnerorganisation (Lok Seva Sangam LSS) koordiniert wird.

Mehrere hundert Frauen haben sich inzwischen zu Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. Diese Gruppen informieren die Menschen, wie wichtig hygenische Wohnverhältnisse sind, sie sorgen dafür, dass die Kinder regelmässig zur Schule gehen, klären über die Gefahren von Tuberkulose und anderer Krankheiten auf, motivieren die Menschen, sich an die Gesundheitsdienste zu wenden und sich impfen zu lassen.

Die Frauen in diesen Selbsthilfegruppen produzieren Süssigkeiten und drucken Grusskarten zum Verkauf, um damit zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Eine gemeinsame Notfallkasse trägt Kosten bei unerwarteten Problemen, wie z.B. wenn ein Kind schwer krank wird. Zusätzlich arbeiten die Frauen als Freiwillige des nationalen Tuberkuloseprogramms.

Sie begleiten Tuberkulosekranke bei der Behandlung und geben Medikamente aus. Bei den Frauen können sich die Kranken ihre Medizin dreimal pro Woche abholen und müssen sie unter Aufsicht einnehmen. So können viele Tagelöhner überhaupt behandelt werden.

Wenn sie nach der Arbeit in den Slum zurückkommen, sind die Gesundheitsposten schon geschlossen, die Frauen der Selbsthilfegruppen aber haben immer Sprechstunde. Versäumt ein Kranker seine Behandlung, wird er von den Frauen aufgesucht und wieder zur Behandlung überredet.

Die Organisation LSS unterstützt die Frauen. Sie hat mit unserer Hilfe ein „Haus der Nachbarschaft“ im Slum errichtet, wo Versammlungen, Beratungen und Schulungen stattfinden. Sozialarbeiterinnen und -arbeitern unterstützen die Selbsthilfegruppen, damit sie lernen, mit Finanzen umzugehen und um allgemein mehr Know-how und Selbstvertrauen zu entwickeln.

Medizinisches Personal der LSS betreibt mobile und stationäre Kliniken. In Trainingskursen der LSS lernen Schulabbrecher ein Handwerk, damit sie ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können.

LSS hilft der Bevölkerung auch bei der Interessenvertretung gegenüber der Stadtverwaltung. Diese hat inzwischen gelernt, die Slumbevölkerung ernster zu nehmen. So erhielten die Slumbewohner eine bessere Wasserversorgung und die verschlammten Wege wurden asphaltiert, was das Leben im Slum während der Monsunzeit sauberer und gesünder gemacht hat.