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«Am härtesten trifft es ländliche Gebiete»

Als Programmverantwortliche begleitete Amélie Dubé zwei Jahre lang das FAIRMED-Projekt «Santé Taabo» in der Elfenbeinküste. Im Gespräch mit «FAIRMED vor Ort» blickt die gebürtige Kanadierin zurück auf Erfolge, Herausforderungen und Erlebnisse, die ihr im Verlauf des Projektes widerfahren sind.

Insgesamt 511 Latrinen haben die Dorfgemeinschaften unter der Anleitung von FAIRMED gebaut.

FAIRMED vor Ort: Nach knapp einem Jahrzehnt zieht sich FAIRMED aus der Elfenbeinküste zurück. Ein intaktes Gesundheitssystem an einem Ort aufzubauen, wo zuvor nicht wirklich eines existierte, ist keine leichte Aufgabe. Welche Herausforderungen gab es für das Projekt?
Amélie Dubé:
Zunächst einmal wurde der Aufbau eines landesweiten Gesundheitssystems durch den Krieg erschwert. Am Ende der politischen Krise stand die Bevölkerung mit leeren Händen da. Weil alle zu beschäftigt damit waren, Krieg zu führen. Es war, als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Am härtesten traf es die Leute auf dem Land. Es gab dort weder Hygienestandards noch wussten die Leute, wie sie diese erreichen sollten – oft auch, weil ihnen das nötige Material dazu fehlte. Wer krank war, musste kilometerweit laufen, um zur nächsten Gesundheitseinrichtung zu gelangen – ohne überhaupt zu wissen, ob es bei der Ankunft auch tatsächlich Hilfe geben würde.

Was ebenfalls eine Herausforderung war und zukünftig noch sein wird, ist das Arbeiten mit freiwilligen Helfern und Helferinnen: Sich auf Freiwillige zu verlassen, ist nämlich immer auch mit Einschränkungen verbunden. Denn ohne finanziellen Anreiz werden Freiwillige nicht ganz so viel ihrer Zeit investieren. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie einer bezahlten Arbeit nachgehen, um sich und ihre Familien ernähren zu können.

Für die Umsetzung des Projekts wurden WASH-Elemente miteinbezogen. Wofür steht WASH und wie wichtig ist es in der Bekämpfung von vernachlässigten Tropenkrankheiten (eng. Neglected Tropical Diseases, kurz NTDs)?
WASH steht für Wasser, Sanitäre Anlagen und Hygiene. In der Entwicklungszusammenarbeit umfasst es ein bestimmtes Fachgebiet. WASH und NTDs sind auf zahlreiche Art und Weise verlinkt, können grundsätzlich aber unter zwei Aspekten betrachtet werden: Umwelt und Gesundheit. Teil der Umwelt sind beispielsweise Wasser und Krankheitsüberträger, sogenannte Vektoren. Wenn man verunreinigtes Wasser trinkt, dann gefährdet man seine Gesundheit direkt, weil man so viel anfälliger für Wurmerkrankungen wie z.B. Leishmaniose ist. Genauso ist es, wenn man sein Geschäft im Freien erledigt, dann kommen die Fliegen und übertragen die Erreger auf andere Organismen. So auch wenn Fäkalien im Wasser landen und man dieses Wasser trinkt, gelangen die Larven der Würmer wiederum in den Körper. Es entsteht also ein endloser Kreislauf aus Infektion und Krankheit. Und dann gibt es noch den gesundheitlichen Aspekt: Man braucht Wasser, um Wunden zu versorgen. Man muss seine Hände mit Seife waschen bevor man sich um die Wunde kümmert. Jemand, der von Buruli oder Lepra betroffen ist, braucht Wasser für seine Gesundheit. Und dieses Wasser muss irgendwoher kommen.

FAIRMED hat also versucht, die Bevölkerung von Taabo zu sensibilisieren. So sind wir in die Dörfer und haben mit Theaterspielen, Filmen oder ähnlichen Schauplätzen die Menschen sensibilisiert. Wir haben dann alle Frauen und Kinder zusammengetrommelt – weil das Wasserholen vor allem Frauen- und Kinderarbeit ist – und erklärt wie Hygiene funktioniert, wie sie sauberes Wasser erhalten und wie sie es nachher lagern müssen. Oder auch ganz simple, für uns selbstverständliche Praktiken wie das Händewaschen haben wir erklärt. Je nachdem wie die Gemeinschaft kulturell geprägt ist, ist der Zugang mal einfacher und mal schwieriger. Im «Santé Taabo»-Projekt fokussierten wir uns aber hauptsächlich auf die Sensibilisierung der Menschen, den Bau von Latrinen und Massenbehandlungen.

Das Projekt liegt jetzt so zu sagen in lokalen Händen, also bei der Bevölkerung und den Behörden.
In gewisser Hinsicht kann man das sagen. Für jeden Distrikt wurde ein Folgekomitee aufgestellt, das die Dorfgemeinschaften weiterhin beim Latrinenbau unterstützt und die Sensibilisierungsarbeit weiterführt. Sie sind teilweise sehr aktiv und hoffentlich kann es unter der Leitung der regionalen Gesundheitskommission so weiterfahren. Hinsichtlich Finanzierung, Bereitschaft und Kapazitäten braucht es aber noch einige Inputs.

In den zwei Jahren, in denen du das Projekt betreut hast, gab es bestimmt einiges, das du erlebt hast. Was bleibt dir davon in Erinnerung?
Einmal war ich in einem Dorf, in dem jede Familie eine Latrine besass. Die letzten Latrinen wurden gerade erst fertiggestellt. Der Beton war noch ganz frisch (lacht). Und die Menschen waren so stolz, als sie mir die Einrichtungen zeigten. Sie sagten immer wieder „Oh, es stinkt nicht mehr“ oder „Schau, es ist so sauber“. Als ich mich einmal mit einem freiwilligen Helfer traf, zeigte er mir ganz stolz seine Mini-Apotheke. Solche Momente waren sehr schön und beweisen, dass FAIRMED doch auch Einfluss auf die Menschen genommen Hat. Eine weitere Erfahrung, die ich hervorheben möchte, ist die Zusammenarbeit mit unserem lokalen Projektkoordinator Fabien Zouzou. Er musste unter sehr aussergewöhnlichen Umständen arbeiten, die eine Reihe von Schwierigkeiten und Frustrationen mit sich brachten. Er hat unglaublich gute Arbeit geleistet, vor allem wenn es darum ging, sich mit den lokalen Behörden zu vernetzen. Er hat nicht nur das technische Wissen, sondern er weiss genau, wie man Beziehungen aufbaut und pflegt. Er ist ein wirklicher Brückenbauer.

Fabien Zouzou FAIRMED-Landeskoordinator hat das Projekt acht Jahre lang betreut und koordiniert.
Amélie Dubé FAIRMED-Programmverantwortliche begleitete das Projekt «Santé Taabo» während zwei Jahren.

Lesen Sie mehr zum Abschluss des Projekts und wie FAIRMED es geschafft hat, gemeinsam mit der Bevölkerung die Gesundheit und Hygiene in der Region zu verbessern: Gesundheit in Taabo

Water, Sanitation and Hygiene (WASH): Verbesserung der Hygiene, sauberes Wasser und Toiletten

Sauberes Wasser und eine gute Hygiene entscheiden manchmal über Leben und Tod: WASH steht für die Aspekte Wasser, Sanitäre Anlagen und Hygiene, welche für ein Leben in guter Gesundheit entscheidend sind: 884 Millionen Menschen weltweit haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und 900 Millionen Menschen verrichten ihre Notdurft im Freien.[1] Täglich sterben Menschen an leicht behandelbaren Durchfall-, Wurm- und Hauterkrankungen, die auf verschmutztes Wasser, mangelnde Hygiene und fehlende Toiletten zurückzuführen sind. Vor allem Menschen, die auf engem Raum zusammenleben oder sehr ländlich leben, fehlt es am Zugang zu sauberem Wasser.

WASH und NTDs sind auf zahlreiche Art und Weise verlinkt: Verschmutztes Wasser, mangelnde Toiletten und schlechte Hygiene sind die Hauptursachen für die Ausbreitung von einigen vernachlässigten Tropenkrankheiten wie Elephantitis oder Flussblindheit. Mit dem Bau von Latrinen und Brunnen sowie durch Schulung der Menschen in Hygiene lässt sich die Ausbreitung dieser Krankheiten einfach vermeiden.


[1] Quelle: https://www.unicef.ch/sites/default/files/unicef_fs_wasser_und_hygiene_2017.pdf