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Buruli überstehen

Die Krankheit Buruli wurde bei Marinette viel zu spät erkannt. Um ein Haar hätte die 13-Jährige ihren Arm verloren.

Marinette Satou und FAIRMED-Mitarbeiter Fidel Gaetan


In den Gängen des einzigen Spitals der Region Bankim herrscht reges Treiben. Unter den vielen Kindern und Jugendlichen, die hier stationiert sind, ist auch Marinette Satou. Die 13-Jährige weiss um die unangenehmen Minuten, die ihr im kleinen, kargen Behandlungszimmer bevorstehen. Im Raum ist es schwül und stickig. Durch das Mückennetz des Fensters strömt laue Morgenluft zu uns. Während Marinette auf der Krankenliege Platz nimmt, stellt FAIRMED-Mitarbeiter Fidel Gaetan Desinfektionsmittel und Gaze bereit.

Beim Heiler verschlimmert sich der Arm noch

Fidel löst vorsichtig die alte Bandage vom Ellbogen des Mädchens und sagt: «Marinette ist bereits seit einem halben Jahr im Spital, sie leidet an Buruli in fortgeschrittenem Stadium. Damit Marinette ganz geheilt werden kann, sollte sie möglichst oft gymnastische Übungen machen, ausserdem muss ihre Wunde regelmässig behandelt werden.» Unter der mit Eiter und Blut verklebten Gaze kommt nach und nach eine grosse offene Wunde zum Vorschein. Der blosse Anblick dieser Prozedur ist schmerzhaft. Marinette hält dabei erstaunlich still. «Dass es um meinen Arm einmal so schlecht stehen könnte, hätte ich nie gedacht», meint sie nachdenklich. «Von aussen war zuerst kaum etwas zu erkennen.»

Weil Marinette jedoch immer wieder über Schmerzen geklagt hatte, schickten die Eltern sie zu einem traditionellen Mediziner. «Er hat mich untersucht und behandelt. Aber bald hatte ich eine grosse Beule, und die Schmerzen wurden immer schlimmer.» Unter der erfolglosen Behandlung des Heilers schritt die Infektion immer weiter fort. «Zum Schluss konnte ich meinen Arm kaum mehr bewegen», erinnert sich die 13-Jährige an ihre Leidenszeit zurück.

Zusammenarbeit mit traditioneller Medizin

Ein wichtiges Element in den Gesundheitsprojekten von FAIRMED ist die sorgfältig gepflegte Tradition, kulturelle Gegebenheiten nicht einfach zu übergehen, sondern gezielt in die Projekte einzubauen. So ist es FAIRMED gelungen, zahlreiche traditionelle Heiler in Bankim soweit zu sensibilisieren, dass sie ihre Patienten beim Verdacht auf schwerwiegende Erkrankungen der Schulmedizin übergeben. «Wir haben  es geschafft, die traditionelle Medizin mit ins Boot zu holen», erklärt Fidel. «Die Dorfheiler akzeptieren zunehmend, dass es sich bei Buruli und anderen vernachlässigten Tropenkrankheiten nicht um mystische Krankheiten handelt und es wichtig ist, diese in einem Spital zu behandeln».

So sah auch der Dorfheiler, den Marinette aufgesucht hatte, in letzter Minute ein, dass sie in ein Gesundheitszentrum überwiesen werden musste. Da Marinettes Eltern sich die weite Fahrt ins Spital nicht leisten konnten, wurde das Mädchen auf Kosten der Organisation FAIRMED transportiert, welche mit den lokalen Taxifahrern einen kostengünstigen Krankentransport für die Ärmsten aufgezogen hat.

Vorfreude auf die Entlassung aus dem Spital

Im Spital Bankim wurde Marinette medikamentös mit Antibiotika behandelt und erhielt regelmässig Physiotherapie. «Die Beweglichkeit zurückzugewinnen, ist für uns das oberste Ziel», erklärt Fidel, während er die eitrige Wunde säubert und frisch einbandagiert. Marinette verzieht ihr Gesicht vor Schmerz. Doch das junge Mädchen ist tapfer. Anschliessend führt Fidel mit Marinette die Krankengymnastik durch. «Zweimal am Tag mache ich die Übungen unter Anleitung von Fidel, aber ich übe auch mehrmals täglich für mich allein», sagt Marinette. «Die Therapie bringt ihr sehr viel», fügt Fidel hinzu und demonstriert dies gleich mit einer Dehnungsübung. «Seit zwei Monaten kann Marinette ihren Arm wieder fast normal bewegen.»

Doch trotz der Fortschritte verheilt die Wunde nur langsam. Zur Beschleunigung des Heilungsprozesses wird Marinette daher eine Hauttransplantation erhalten. «Dank FAIRMED haben wir hier das nötige Know-how, um solche komplexe chirurgische Eingriffe eigenständig durchzuführen», sagt Fidel stolz. «Wenn alles gut läuft, können wir Marinette in drei Monaten nach Hause entlassen.» Die erste Therapiesitzung für heute ist geschafft. Zum Abschied fragen wir Marinette, worauf sie sich denn am meisten freue nach ihrer Entlassung. «Ich kann es fast nicht erwarten, wieder ein normales Leben zu führen - endlich wieder meine Geschwister zu sehen und zur Schule gehen zu können!», sagt sie uns mit strahlenden Augen und grossem Lächeln.