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Das Leben nach den Erdbeben

Im Frühjahr 2015 erschütterten zwei Erdbeben den nepalesischen Distrikt Sindhupalchowk. Noch heute leiden die Betroffenen an deren Folgen: Die Bewohnerinnen und Bewohner hausen auch zwei Jahre nach den schweren Erschütterungen noch immer in provisorischen Unterkünften.

Das von den Erdbeben schwer getroffene Dorf im Sindhupalchowk-Distrikt


Auf dem Weg zu einem der betroffenen Dörfer, welches in den Bergen des Sindhupalchowk-Distrikts liegt, durchquert das FAIRMED-Team terrassierte Reisfelder, unberührte Natur, Bananenstauden – ein Paradies, dass in einem Licht wie von Gold übergossen daliegt. «Das Erdbeben hat auch die Felder da zerstört, überall klafften Risse und tiefe Schluchten in der Erde. Wir mussten alles neu anlegen», reisst uns FAIRMED-Mitarbeiterin Nobina aus unserem Staunen. «Die Felder sind wieder in Stand, die Häuser noch nicht.»

Das Baustellen-Dorf

Nobina soll Recht behalten. Erst als wir das Dorf Lagarche erreichen wird uns klar, wie stark die Gemeinschaft des Sindhupalchowk-Distrikts von den Erdbeben getroffen wurde. Das Bergdörfchen mit der atemberaubenden Aussicht auf Täler und die Schneeberge des Himalayas ist eine einzige Baustelle. Rechts von der Strasse stehen provisorische Wellblechhütten, in denen die Dorfbewohner noch heute wohnen. Links entstehen die neuen, erdbebensicheren Häuser. Diese werden aus den Trümmern der alten, von den Erdbeben komplett zerstörten Häuser errichtet. «Bei den Erschütterungen fielen alle 150 Häuser im Dorf zusammen», erzählt Nobina. «Die Regierung versprach jeder Familie einen Beitrag von 200 000 nepalesischen Rupien (2000 Schweizer Franken) für den Wiederaufbau, davon haben sie aber bis jetzt nur je 50 000 Rupien bekommen. Deshalb stehen von den neuen Häusern erst die Grundmauern, und deshalb sind die meisten jungen Männer nach Dubai oder Malaysia gegangen, um dort Geld zu verdienen, mit dem die Familien hier den Hausbau finanzieren sollen.»

Unter den Trümmern begraben

Doch nicht nur die Häuser und alles Hab und Gut sind betroffen, sondern auch die Menschen selbst. Von den 2500 Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern sind 15 gestorben. Etliche andere wurden durch die Erdbeben stark verletzt und tragen teilweise noch heute Behinderungen oder Erkrankungen davon. Wir begegnen Muna Luma, einer jungen Frau, die vor zwei Jahren unter den Trümmern ihres Hauses begraben wurde. Angehörige der nepalesischen Armee gruben Muna aus und trugen sie zu Fuss den weiten Zweitagesmarsch bis ins Primary Health Center im Dorf Melamchi. Der behandelnde Arzt stellte schnell fest, dass Muna mehrere Rückenwirbel gebrochen hatte. Daraufhin transportierte sie ein FAIRMED-Chauffeur in die Spezialklinik nach Kathmandu, wo die junge Muna während fünf Monaten mehrmals operiert und intensiv betreut wurde.

Das neue Leben danach

Heute hat Muna Eisen im Rücken, welche die Wirbelsäule stabilisieren sollen, ihr jedoch Schmerzen bereiten. Sie kann weder liegen noch gehen, nur das Sitzen tut nicht weh. «Ich bin froh, wenn ich die Eisen bald herausnehmen kann», erzählt uns Muna. Sie möchte lernen zu nähen, damit sie eine Beschäftigung hat und ihre Familie unterstützen kann. «Aber ich bin dankbar dafür, wie es mir jetzt geht. Ich hätte den Transport in die Spezialklinik und die monatelange Behandlung nicht bezahlen können. Hätte mich FAIRMED nicht dabei unterstützt, würde ich noch jetzt gelähmt und allein im Bett liegen.»

Der Wert einer guten Gesundheit

Die FAIRMED-Mitarbeiterin Nobina geht jeden Tag bei Muna vorbei, um nachzusehen, wie es ihr geht. Sie kontrolliert, ob Muna ihre Physiotherapie-Übungen macht, manchmal verbringt sie aber auch einfach nur Zeit mit ihr um zu reden. Ansonsten engagiert sich Nobina für die Gesundheit der gesamten betroffenen Dorfgemeinschaft. Die erste Nothilfephase des Projekts sei vollbracht, nun geht es darum, die Menschen wieder für den Wert einer guten Gesundheit zu sensibilisieren.  «Anfangs ging es ums Dach über dem Kopf, ums nackte Überleben – nun will ich im Auftrag von FAIRMED die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner dabei unterstützen, so gesund wie möglich zu sein.»

Nach den Erdbeben haben sich viele Freiwillige gemeldet, um die Betroffenen zu unterstützen
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