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«Diese Stühle veränderten mein Leben»

Der Sindhupalchowk-Distrikt wurde von den Erdbeben im Frühling 2015 am schwersten getroffen. FAIRMED leistete in den weitgehend zerstörten Dörfern zuerst Nothilfe. Inzwischen hat sich der Kern von FAIRMEDs Einsatz auf die punktuelle Stärkung des Gesundheitssystems, besonders auf die Unterstützung von den Schwächsten in der Gemeinschaft, den Menschen mit Behinderungen, verschoben.

 

«Ich falle meiner Familie nicht mehr zur Last, weil ich mich nun nützlich machen kann.» Ein feines, stolzes Lächeln huscht über das Gesicht des 20-jährigen Ashish, während er mit der rechten Hand über den Bambusstuhl streicht, den er kurz zuvor vollendet hat. «Im Training von FAIRMED habe ich gelernt, wie ich diese Stühle aus Bambus flechten kann, und habe bereits sechs hergestellt. Die Stühle seien schön und gut, sagen die Leute im Dorf, sechs kann ich im Monat herstellen und verkaufen, damit verdiene ich im Monat 3000 nepalesische Rupien (rund 30 Schweizer Franken).» Mit diesem Betrag können Ashish und seine Mutter 60 Kilogramm Reis kaufen. Ashish ist blind, seit er sechs Jahre alt war. «Eine Nervenkrankheit hat meine Blindheit verursacht. Meine Eltern haben dafür gesorgt, dass ich trotzdem lesen und schreiben lernen konnte.»

Ashish träumt von einer eigenen Möbelfabrik
Der älteste von Ashishs drei Brüdern kam bei den Erdbeben ums Leben, sein Vater kurz danach. Die beiden Brüder, die überlebt hatten, verdingten sich in Indien, um den Wiederaufbau des komplett zerstörten Hauses zu finanzieren. «Mein Traum wäre es, eines Tages eine eigene kleine Möbelfabrik zu betreiben, in der ich nicht nur Stühle, sondern auch Tische und andere Möbel aus Bambus anfertigen werde und damit meine eigene Familie finanzieren kann.» Dafür müsste Ashish jedoch noch weitere Kurse besuchen. Ein Training kostet für acht Teilnehmende 28 750 nepalesische Rupien (rund 270 Schweizer Franken) und dauert 25 Tage.

Noch immer kein Alltag in Sicht
Noch immer wohnen viele Bewohner Bhotangs in einfachsten provisorischen Hütten mit Wellblechdächern. Besonders im Winter ist das eine Herausforderung, sagt die Gesundheitsmitarbeiterin Ganga. Und am meisten leiden die Menschen mit Behinderungen – jene, die wie Ashish bereits vor den Erdbeben an einer Behinderung litten oder es durch die Erdbeben erst tun, erzählt Ganga: «Sie werden noch viel mehr an den Rand gedrängt. Die Menschen hier in den Dörfern sind immer noch im Ausnahmezustand, bauen ihre Häuser auf, verarbeiten die Verluste durch das Beben, bemühen sich um einen einigermassen normalen Alltag wie Essen und ein Dach über dem Kopf – da kommen Gedanken um Gesundheit und Behinderung immer erst an letzter Stelle.» Darum bemühen sich Organisationen wie FAIRMED im Erdbebengebiet nicht nur um den Wiederaufbau von Gesundheitsstrukturen, sondern auch um die Stärkung der Rechte von Menschen mit Behinderungen und die Sensibilisierung der Menschen für Gesundheit und Behinderung.

Der Wert der Behindertenkarte
Wir besuchen die Sitzung der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Behinderung ein Dorf weiter, in Lagarche. Zu zehnt sitzen die Betroffenen im Kreis am Boden, unweit des Gesundheitspostens. Aus den weit verstreuten Weilern sind sie den weiten Weg zu Fuss gekommen, um beim monatlichen Treffen dabei zu sein. «Ich komme gern an die Treffen der Gruppe», sagt Urmila, die Mutter des geistig schwer behinderten Sann. «Hier erfahren wir, wie wir einen Behindertenausweis beantragen können, welche Unterstützung es für Menschen mit Behinderungen gibt und wie sie sich trotz ihrer Behinderung ausbilden lassen können.» Heute ist das Thema in der Gruppe der Behindertenausweis. Gesundheitsmitarbeiterin Nobina erklärt die verschiedenen Abstufungen: «Kategorie A ist rot und bedeutet eine sehr schwere Behinderung  so geht es über die blaue B-Karte zur gelben C-Karte bis zur weissen D-Karte, derjenigen mit den schwächsten Behinderungen.» Zwei der anwesenden Menschen mit Behinderungen  haben noch keine Karte. Nobina erklärt ihnen und ihren Begleitern, wie sie die Karte beantragen können. «Diese Karte ermöglicht euch, von der Regierung Unterstützungsgelder zu bekommen: Für Transport, Ausbildung und medizinische Kosten.» Urmila kommt Nobina verbal zu Hilfe: «Es ist wichtig, dass ihr diese Karte bekommt. Dank ihr konnte unser Sohn geschult werden, selber Seife herzustellen. Mit diesem Einkommen können wir genügend Reis kaufen und leiden keinen Hunger.»