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Eine Milliarde Menschen vernachlässigen?

Die WHO veröffentlichte ihren Zwischenbericht zur Strategie gegen die vernachlässigten Tropenkrankheiten NTDs (Neglected Tropical Diseases). FAIRMED-Geschäftsleiter René Stäheli erklärt, warum der gesamtheitliche WHO-Ansatz die Arbeit FAIRMEDs bestätigt und warum Medikamente nur ein Teil im Puzzle der NTD-Bekämpfung sind.

René Stäheli, Geschäftsleiter von FAIRMED, ist zufrieden mit der eingeschlagenen Richtung von FAIRMED.


FAIRMED vor Ort: Die WHO hat im Frühling 2017 den vierten Report veröffentlicht als Zwischenbericht über die Zielerreichung der NTD-Roadmap, also der Strategie, was im Kampf gegen die vernachlässigten Tropenkrankheiten bis 2020 erreicht werden soll. Wo stehen wir?

René Stäheli: Der Bericht zeigt einerseits die Erfolge im Kampf gegen die NTDs: So konnte beispielsweise die Schlafkrankheit in den letzten 15 Jahren um fast 90 Prozent reduziert werden, der Medinawurm ist bald ausgerottet und – wofür übrigens auch FAIRMED in Kamerun einen wesentlichen Beitrag geleistet hat – die Fälle von Buruli sind um rund 60 Prozent zurückgegangen. Andererseits zeigt der Bericht auch, wo noch grössere Herausforderungen liegen, um die gesetzten Ziele zu erreichen.

Was sind denn die Herausforderungen?

Einerseits gilt es, das gewonnene Terrain zu verteidigen und zu überwachen, damit sofort reagiert werden kann, wenn eine Krankheit wieder auf dem Vormarsch ist. Andererseits muss die Suche nach neuen Medikamenten weitergehen, für den Fall, dass die bestehenden an Wirkung verlieren – und das Bewusstsein für NTDs muss noch stärker in der öffentlichen Gesundheit verankert sein. Eine grosse Herausforderung bilden die Länder mit Krieg und zusammengebrochenen Gesundheitssystemen.

Offenbart der Bericht auch Überraschendes?

Sagen wir es so: Die WHO spricht immer deutlicher von Integration der NTDs in das Gesundheitssystem, von sektorübergreifenden Massnahmen und dem Beitrag zu den nachhaltigen Entwicklungszielen und der globalen Gesundheitsabdeckung. Und sehr erfreulich ist, dass die WHO sich deutlich dazu bekennt, dass Millionen von Menschen an den Folgen einer NTD leiden werden, auch nachdem die Ziele der Roadmap erreicht worden sind. Die Menschen, die an den Folgen von NTDs leiden, werden nicht oder nur beschränkt arbeitsfähig sein, unabhängig davon, ob die Krankheiten, unter deren Folgen sie leiden, ausgerottet sein werden oder nicht. Das entspricht genau dem ganzheitlichen Ansatz, den FAIRMED verfolgt.

Dann untermauert die WHO in ihrem Report eigentlich die Art und Weise, wie FAIRMED arbeitet?

Ja, die WHO hat uns kopiert! (lacht) Wir fühlen uns durch den vierten NTD-Report bestätigt, dass wir mit unserem integrierten und sektorübergreifenden Ansatz auf dem richtigen Weg sind. Wir haben gelernt, dass man nicht mehr nur eine Krankheit herauspicken und behandeln kann. Die Gesundheit der Menschen in unseren Projektgebieten hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, die nur unter Berücksichtigung der Zusammenhänge wirksam angegangen werden können. Als offenkundiges Beispiel dient die medikamentöse Behandlung von Bilharziose…

… kurz nachdem die Menschen gegen Bilharziose behandelt worden sind, stecken sie sich neu an, während sie am Fluss Wasser holen.

Genau! Darum spielen Trink- und Abwasser, Kontrolle der Überträger, aber auch Bildung, Ernährung und viele andere Faktoren eine Rolle neben einem funktionierenden Gesundheitsangebot. Kurzum, es gilt alles einzubeziehen, was Einfluss auf den Gesundheitszustand der Menschen hat – da ist die medikamentöse Behandlung einer einzelnen Krankheit nur ein kleiner Teil des Puzzles.

Wie können die Entwicklungsorganisationen, die wie FAIRMED die NTDs bekämpfen, diesen gesamtheitlichen Ansatz umsetzen?

Wir finden gemeinsam mit den Menschen vor Ort heraus, welches die wichtigsten Faktoren sind, die ihre Gesundheit beeinflussen. Darauf bauen wir unsere Projekte auf – wir verbinden bestmöglichst das Know-How der Menschen, der Organisationen und Behörden vor Ort mit unserer eigenen Erfahrung und wissenschaftlich belegten Ergebnissen. Dadurch entstehen lokal angepasste Lösungen, die von allen mitgetragen werden.

FAIRMED hat ja anlässlich des NTD-Gipfels in Genf mitgeholfen, die «Swiss Alliance against Tropical Diseases» zu gründen. Manifestiert sich in diesem Unternehmen derselbe Trend wie im WHO-Report, nämlich ganzheitlicher, vernetzter gegen die NTDs vorzugehen?

Durchaus. Es ist ja beeindruckend, wie viele Organisationen es in der kleinen Schweiz gibt, die sich im Kampf gegen die NTDs engagieren: Verschiedene Entwicklungsorganisationen, Universitäten und Pharmakonzerne. Ob sie im Feld oder im Labor arbeiten, wir haben alle ein gemeinsames Anliegen. Dass die Bürde der NTDs endlich auch ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gelangt. Es sind ja nicht nur ein paar Tausend Menschen, die von NTDs betroffen sind, es sind eine Milliarde Menschen….

…so dass nun auch ein Bill Gates sich gegen die NTDs stark macht.

Dass Bill Gates mit seiner Prominenz und seinem Vermögen sich auch gegen die NTDs stark macht, nützt unseren Anliegen sehr.