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Manhattan – Yaoundé – Bankim: Die Tücken des letzten Wegabschnitts

Der Weg von dem in New York proklamierten Motto «Leave no one behind» bis zu den Zurückgelassenen im Hinterland von Kamerun führt über eine holprige Piste.

Die indigenen Baka in Kamerun gehören zu denen, die am weitesten zurückgelassen werden. Warum ihre Versorgung dennoch an letzter Stelle kommt: Ihre Gesundheit ist «zu teuer».


Mit den siebzehn nachhaltigen Entwicklungszielen, den «Sustainable Development Goals», haben die Vereinten Nationen eine inspirierende Vision entwickelt, wie eine bessere Welt 2030 aussehen könnte. Das Motto, das sich durch alle Entwicklungsziele zieht, lautet «Leave no one behind» und beinhaltet den Willen, niemanden zurückzulassen – keine Nationen, keine Völker und keine Teile der Gesellschaft im Bemühen, diejenigen zuerst zu erreichen, die am weitesten zurück liegen.* Zwischen der Turtle Bay, Manhattan und den Siedlungen der Menschen in abgelegenen Dörfern Kameruns, einem von sechs Ländern in denen FAIRMED aktuell tätig ist, muss eine Strasse überwunden werden mit Schlaglöchern von Strategien, die die Zurückgelassenen zurücklassen und benachteiligen, von Kennzahlen, bei denen die Zurückgelassenen statistisch irrelevant oder gar nicht erfasst sind, von hemmenden Anreizen sowie von Missmanagement und mangelndem politischen Willen. Die Zurückgelassenen können nur erreicht werden, wenn sie und ihre Benachteiligung bekannt sind, wenn gruppenspezifische Pläne existieren, wenn die Ressourcen zielgerichtet eingesetzt werden und die Umsetzung effizient ist. Die stimmlosen Minderheiten kämpfen mit ungleichen und stumpfen Spiessen um den vorderen Platz auf der Prioritätenliste.

Daten(schlag)löcher
Die Piste zu den Zurückgelassenen führt in ein weitgehend unbekanntes Gebiet. Die Bedürfnisse der Zurückgelassenen zu identifizieren ist jedoch die Voraussetzung zur Erstellung von wirksamen Plänen, die sicherstellen, dass niemand zurückgelassen wird und Fortschritt in der Entwicklung gemessen werden kann. Viele Regierungen wissen nicht genug über ihre eigene Bevölkerung. Die öffentlichen Gelder, die in die Gesundheit fliessen, begünstigen überproportional die reichen Mitglieder der Gesellschaft. Im Durchschnitt fliessen in Afrika weniger als 40 Prozent des Gesundheitsbudgets in die Basisgesundheit. Die Armen sind einer finanziellen Katastrophe durch Gesundheitskosten um ein Mehrfaches ausgesetzt und Versicherungen können sich vor allem die Reichen leisten. Von öffentlichen Geldern, die in den Armensektor fliessen, profitieren Reiche zwei bis sieben Mal mehr als arme Regionen. Wenn die Benachteiligten nicht in der Planung als Priorität gesetzt sind, werden sie völlig abgehängt.

Die ökonomische Anreiz-Lücke
Die Reise auf der holprigen Piste ist nicht nur unbequem, sie ist auch noch teuer. Eine Voraussetzung für die Umsetzung der universellen Gesundheitsversorgung als ein Kernstück der nachhaltigen Entwicklungsziele ist eine gesicherte Finanzierung. In der Deklaration von Abuja** bekannten sich die Führer der afrikanischen Staaten zu 15 Prozent Budgetzuteilung zur Gesundheit. Heute liegt der Durchschnitt bei zehn Prozent und Kamerun trägt mit vier Prozent die rote Laterne. Doch selbst in den Ländern, in denen die Zuwendung zum Gesundheitsbudget gestiegen ist, profitieren die Bedürftigsten durch zu starke Fragmentierung, schlechte Verteilung und ungenügendes Management nicht. Kamerun hat mehr als das Hundertfache an Einwohnern als Genf, verfügt indes über das gleiche Haushaltsbudget. Es ist nachvollziehbar, dass Budgetzuweisungen nicht in erster Linie denjenigen zugutekommen, die am weitesten zurückliegen, solange die leichter Erreichbaren auch unterversorgt sind. Geldgeber, aber auch die UNO und die WHO, lieben beeindruckende Zahlen. Ein Effizienzverständnis, dass die Mittel möglichst vielen Begünstigten zugutekommen, benachteiligt die «teuren» Zurückgelassenen in den schwer zugänglichen Gegenden.

Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es (Wilhelm Busch)
Wenn ökonomische und intrinsische Anreize nicht für eine «Die-Schwächsten-zuerst»-Agenda genügen, spielen die internationalen Organisationen, die Regierungen, die externen Geldgeber und die NGOs eine entscheidende Rolle. Einerseits kann der politische Druck durch die Rechenschaft zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele und andererseits die zweck- und zielgerichtete Mittelvergabe an Länder und Entwicklungsorganisationen einen Anreiz schaffen. Der Preis ist ein gruppenspezifisches Monitoring anstatt spektakuläre Zahlen.

Mit jedem Jahr wird der Weg steiler
Es verbleiben noch zwölf Jahre, um diejenigen, die am weitesten zurückliegen, aufschliessen zu lassen. Die spezifische Dimension der Zurückgelassenen erfordert dringend benötigte, angepasste «Die-Schwächsten zuerst »-Pläne, welche auf korrekten, aussagekräftigen Daten basieren, wenn der Paragraph vier der Deklaration der nachhaltigen Entwicklungsziele tatsächlich bis 2030 umgesetzt werden und die Lücke zwischen den Zurückgebliebenen und Bessergestellten geschlossen werden soll. Die zu überwindenden Hindernisse sind mannigfaltig und ohne einen starken politischen Willen und internationalen Zusammenhalt werden die Fortschritte erneut an den besonders Benachteiligten vorübergehen. Es gibt in verschiedenen Ländern vielversprechende Ansätze, doch die Zeit drängt. Jedes Jahr, das ohne gezielte Massnahmen verstreicht, führt dazu, dass die Anstrengungen pro Jahr grösser sein müssen, wenn die Ziele bis 2030 erreicht werden sollen. Auch 2017 haben wir unseren lokalen Beitrag, die globalen Ziele zu erreichen, geleistet. In der Zentralafrikanischen Republik, Kamerun, der Elfenbeinküste, Nepal, Sri Lanka und Indien haben wir den Zugang der Ärmsten zu einer Gesundheitsversorgung verbessert – darauf sind wir stolz und daran arbeiten wir auch in Zukunft unermüdlich weiter.

 

* United Nations Resolution A/RES/70/1 of 25 September 2015, Paragraph 4
** Public financing for health in Africa: from Abuja to the SDGs, 2016