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Unbezahlbar: keine Kostendeckung, keine Genesung

Krankheit macht arm, aber wer schon arm ist, droht bei Krankheit noch weiter in die Armut abzu-sinken. Selbst getragene «Out-of-Pocket»-Zahlungen tragen wesentlich dazu bei, dass arme Menschen vor dem finanziellen Ruin stehen.

Auch unter den NTDs herrscht Konkurrenzkampf: Die kamerunische Regierung hat ein wirkungsvolles Leprabekämpfungsprogramm entwickelt, jedoch gibt es über 500 000 Podokoniose-Fälle.

Für armutsbetroffene Menschen können private Gesundheitsausgaben, sogenannte «Out-of-Pocket»-Zahlungen eine schwere finanzielle Bürde bedeuten. Neueste Studien aus Indien und Kamerun haben die Gesundheitsausgaben für die Behandlung von vernachlässigten Tropenkrankheiten gemessen. Die Ergebnisse sind frappierend und zeigen, dass Ungleichheit beim Zugang zu Gesundheitsversorgung ein durchaus reales Problem ist.

Im zweiten Teil unserer «Unbezahlbar»-Serie stellen wir eine kamerunische Studie vor, die an die Befundnisse aus Indien anknüpft.

Teil 2

NTDs in Kamerun: Zeichen der Vernachlässigung
Vernachlässigte Tropenkrankheiten (kurz NTDs für «Neglected Tropical Diseases») sind Armutskrankheiten und betreffen vor allem Menschen in den am meisten vernachlässigten Gebieten der Welt. So auch im ländlichen Kamerun, wo Forscher eine Studie zu den Gesundheitsausgaben für die Behandlung von Lepra und Podokoniose* durchgeführt haben. Die Zahl der Podokoniose-Erkrankten in Kamerun wird auf über eine halbe Million Menschen geschätzt. Zwar wurde dank wirkungsvollen Bekämpfungsprogrammen die Verbreitung von Lepra wesentlich reduziert, jedoch kommt die Infektionskrankheit in einigen Teilen Kameruns noch konzentriert vor. Beide Krankheiten haben bei Nicht-Behandlung schwere Behinderungen zur Folge, welche sich negativ auf das Leben und die Arbeitsfähigkeit der Betroffenen auswirken und somit deren Chance auf eine gute Gesundheit verringern. Die kamerunischen Forscher haben eine vergleichende Studie durchgeführt, in der die Gesundheitsausgaben von NTD-betroffenen und nicht-betroffenen Haushalten einander gegenübergesetzt wurden.

Diagnose: Armut
Zwischen Juli und August 2015 wurden Daten von insgesamt 170 Haushalten im Nordwesten Kameruns gesammelt und verglichen. Dabei stellte sich heraus, dass nicht-betroffene Haushalte wesentlich tiefere Gesundheitskosten verzeichnen als Haushalte, die von Lepra oder Podokoniose betroffen sind. Für diese fallen nämlich weitere Spezialbehandlungen an. Somit bringen beide Krankheiten schwerwiegende wirtschaftliche Folgen mit sich.

Die Ergebnisse zeigten auch, dass das Jahreseinkommen von Podokoniose-Haushalten im Vergleich zu nicht-betroffenen Haushalten weitaus geringer ausfällt. Dies lasse sich darauf zurückführen, dass Podokoniose zu Behinderungen führt, welche die Produktivität stark einschränke und es für Betroffene schwerer macht, ein höheres Einkommen zu erzielen. Anders ist es beim Jahreseinkommen von Lepra-Haushalten: Obwohl Lepra ebenfalls Behinderungen zur Folge hat, unterschied sich das Jahreseinkommen nur wenig von nicht-betroffenen Haushalten.

Podokoniose vs. Lepra: Kampf um Subventionen
Beim Vergleich der direkten Kosten (Medikamente, Reise, Kost und Logis) zeigten die Messungen, dass bei Podokoniose-Patienten zusätzlich 142 US-Dollar private Ausgaben für krankheitsspezifische Behandlungen anfielen. Dazu mussten sich viele Podokoniose-Patienten auch noch verschulden. Hinzu kommen noch die indirekten Kosten, hier der Lohnausfall: Im Durchschnitt gab es für Lepra-Patienten einen Lohnausfall von 26 US-Dollar jährlich, während sich der Lohnausfall für Podokoniose-Patienten auf 40 US-Dollar belief.

Insgesamt gaben Podokoniose-Patienten über 70% ihres Einkommens für ihre Gesundheit aus. Im krassen Gegensatz dazu stehen die Gesundheitskosten für Lepra-Patienten: Diese mussten mit rund 6% lediglich die Kosten für gängige Krankheiten tragen. Dieser Unterschied lasse sich dadurch erklären, dass das staatliche NTD-Bekämpfungsprogramm und andere Organisationen, die Behandlung, Reha sowie Kost und Logis für Lepra-Patienten kostenlos bereitstellen und ihnen auch Lohnersatz zahlen.

Das Heilmittel: Aufbau einer wirksamen öffentlichen Gesundheitsfürsorge
Diese Ergebnisse bestätigen einerseits, dass es sich bei NTDs um typische Armutskrankheiten handelt. Andererseits zeigen sie, dass durch Subventionen wie Prämienverbilligungen und effektiven Vorbeugungsmassnahmen die Kostenbelastung für armutsbetroffene Menschen erheblich gesenkt werden kann. Die Forscher sehen deshalb den Aufbau einer wirksamen öffentlichen Gesundheitsfürsorge als zentralen Bestandteil in der Bekämpfung von NTDs.

*Podokoniose ist eine nicht-infektiöse Art der Elephantiasis. Die Schwellung in den Gliedmassen wird nicht wie bei der lymphatischen Filariose durch Parasiten ausgelöst, sondern entsteht durch die Verstopfung der Lymphe aufgrund von Staub.