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Unbezahlbar: Wenn Armut die Gesundheit bestimmt

Armut macht krank. Denn wer mit wenig Geld auskommen muss, setzt die eigene Gesundheit oft an letzter Stelle. Neue Studien zu den Gesundheitsausgaben der privaten Haushalte in Indien und Kamerun zeigen, wie stark die Behandlungskosten von vernachlässigten Tropenkrankheiten arme Menschen finanziell belasten.

Eine öffentliche Gesundheitseinrichtung im Distrikt Jalgaon, Indien: Durch Stärkung des öffentlichen Gesundheitssystems können ohnehin schon arme Menschen vor dem finanziellen Ruin bewahrt werden.

Zahlreiche Studien haben bereits bewiesen, dass die Gefahr, krank zu werden – und krank zu bleiben – für einige weitaus grösser ist als für andere. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen dehnt sich die soziale Schere am weitesten auseinander. Trotz diversen kostenlosen, durch den Staat gedeckten Gesundheitsdiensten wird der weitaus grösste Teil der Gesundheitsausgaben durch sogenannte «Out-of-Pocket-Zahlungen» vom Patienten selbst finanziert. Für armutsbetroffene Menschen bedeuten diese privaten Ausgaben eine schwere finanzielle Bürde. Neueste Studien aus Indien und Kamerun haben die Gesundheitsausgaben für Menschen, die unter den vernachlässigten Tropenkrankheiten Lepra und Podokoniose leiden aus der Sicht der Betroffenen gemessen. Die Ergebnisse sind frappierend und zeigen, dass Ungleichheit beim Zugang zu Gesundheitsversorgung ein durchaus reales Problem ist.

In einer dreiteiligen Serie stellen wir Ihnen die Ergebnisse dieser beiden Studien vor und zeigen auf, wie der Ansatz «Universal Health Coverage» (UHC, dt. allgemeine Gesundheitsversorgung) Gesundheit für alle ermöglichen könnte und wie FAIRMED versucht, dies in die Tat umzusetzen.

Teil 1

Lepra in Indien – Gesundheitsproblem der Armen
Rund 60% aller weltweiten Lepraerkrankungen stammen aus Indien. Für das indische Gesundheitssystem ist Lepra eines der grössten öffentlichen Gesundheitsprobleme. Lepra ist, wie die meisten vernachlässigten Tropenkrankheiten, eine typische Armutskrankheit und bedeutet für Erkrankte neben sozialer Ausgrenzung auch eine finanzielle Belastung. Erstmals haben indische Gesundheitsexperten die direkten und indirekten Gesundheitskosten aus Sicht der privaten Haushalte untersucht. In einer vergleichenden Studie wurden die Gesundheitssysteme zweier aneinander angrenzenden Regionen in Westindien auf ihre Zugänglichkeit zu Leprabehandlungen untersucht. Während sechs Monaten wurde dokumentiert, wie Leprapatienten von insgesamt 240 Haushalten mit ihrer Lepraerkrankung umgehen und wie hoch der Selbstbehalt der Behandlungskosten tatsächlich ist.

Die Region bestimmt die Kosten
Die Gesundheitssysteme beider Regionen bieten kostenlose Leprabehandlungen an, unterscheiden sich jedoch in Infrastruktur, Zugänglichkeit, und Qualität der Gesundheitsdienstleistungen sowie in der Höhe der staatlichen Subventionen.

Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Regionen: Die Patienten in der Region mit weniger Zugang zu öffentlichen Gesundheitseinrichtungen bezahlten rund einen US-Dollar weniger an direkten Kosten (hier Behandlung und Medikamente) als die Region mit dem besser subventionierten Gesundheitssystem.

Genau umgekehrt ist es bei den indirekten Kosten, wie Lohnausfall. Die Patienten aus dem schwächeren Gesundheitssystem bezahlten über 12 US-Dollar für indirekte Kosten, rund 30% mehr als jene aus dem stärkeren Gesundheitssystem. Der Grossteil der Kosten entsteht also nicht durch die Behandlungen und Medikamente, sondern summiert sich aus den Lohnausfällen, die durch die Krankheit und deren Behandlung entstehen.

Je stärker das öffentliche Gesundheitssystem, desto weniger die Belastung
Auf Grund der Ergebnisse schlussfolgerten die Forscher, dass der Zustand des Gesundheitssystems in einem direkten Zusammenhang mit den Gesundheitsausgaben des Patienten steht: Je besser das Gesundheitssystem desto tiefer seien die Out-of-Pocket-Zahlungen. Zudem habe das Gesundheitssystem verstärkt Einfluss auf das Gesundheitsbewusstsein der Patienten. So suchten Erkrankte in der staatlich benachteiligten Region weniger häufig eine Gesundheitseinrichtung auf. Wenn sie es aber doch taten, fielen die Kosten höher aus, da sie häufig auf die teureren, privaten Gesundheitseinrichtungen ausweichen mussten. Die Stärkung des Gesundheitssystems führe dazu, dass die Patienten eher die öffentlichen Einrichtungen aufsuchten, wodurch die Kostenlast erheblich reduziert würde.