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Welchen Patienten soll ich retten? Das fragen sich afrikanische Ärzte häufig.

Das Corona-Virus hat Afrika erreicht. Obwohl offiziell erst rund 600 Infizierte in 42 Ländern gezählt wurden, reagieren zahlreiche afrikanische Länder bereits mit Einreisesperren, Grenz- und Schulschliessungen. Was die WHO seit Wochen befürchtete, ist eingetroffen: Corona beginnt sich in Ländern mit ausgesprochen schwachen Gesundheitssystemen zu verbreiten. Gibt es Grund zur Hoffnung, dass Corona Afrika verschonen wird?

 

«Die afrikanischen Länder reagieren vorbildlich und schnell auf die Bedrohung durch den COVID-19, da sie den Umgang mit Epidemien wie Ebola, Affenpocken und Masern gewohnt sind», erklärt Bart Vander Plaetse, Programmleiter von FAIRMED. Allerdings ist nicht abzusehen, welches Leid COVID-19 über den Kontinent bringen könnte, wenn der Virus sich dort ebenso rasant verbreiten wird wie derzeit in Europa: «Wenn es in Afrika ebenfalls eine Corona-Epidemie gibt, könnten die ohnehin überwiegend schwachen Gesundheitssysteme zusammenbrechen, und die Folgen davon würden noch jahrelang zu spüren sein.» Sämtliche Ressourcen würden in den Kampf gegen das Virus fliessen, so dass die Gesundheitsversorgung für anderweitig Erkrankte oder Verunfallte weitgehend wegfallen würde. «Das, was jetzt Schweizerinnen und Schweizer mit grosser Bestürzung über die Zustände in den Spitälern in Oberitalien lesen – dass Ärzte entscheiden müssen, wer überleben darf – ist in afrikanischen Ländern bereits die Realität bei viel einfacheren medizinischen Problemen.»

Bei der öffentlichen Gesundheit geht es um die Bewältigung von Knappheit, führt Bart Vander Plaetse aus: «In unserem westlichen Überfluss haben wir das beinahe vergessen. Aber COVID-19 ist wie ein Augenöffner, der uns auf schockierende Weise zeigt, dass es nun auch in Europa um die Bewältigung von Knappheit geht, abgesehen vom Managen des Verhaltens der Bevölkerung.» Wie sich COVID-19 im tropischen Klima Afrikas verhalten wird, kann noch nicht abschliessend abgeschätzt werden, so Vander Plaetse weiter: «Wir hoffen immer noch, dass die Hitze dem Virus zu schaffen machen und es an einer Ausbreitung hindern wird.» Ein weiterer Hoffnungsschimmer sieht der FAIRMED-Programmleiter in der weitgehend jüngeren Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent: «In Afrika gibt es verhältnismässig weniger Menschen, die zur besonders gefährdeten Gruppe gehören. Es gibt aber in Afrika auch nur spärliche Einrichtungen für die Intensivpflege, so dass schwere COVID-Verläufe quasi einem Todesurteil gleichkommen würden.»

FAIRMEDs Pandemieplan

FAIRMED unterstützt ihre Schwerpunktländer in Afrika (Kamerun, Zentralafrikanische Republik, Tschad und Kongo) mit strategischer Planung, Präventivmassnahmen in Form von Bewusstseinsbildung und der Bereitstellung von Schutzausrüstung für das Gesundheitspersonal und andere beteiligte Mitarbeiter, die dies benötigen. «Wir schützen die Operationen von FAIRMED in den Ländern in Afrika und Asien so gut wie möglich, schränken aber Reisen in die Länder und innerhalb der Schweiz stark ein», erklärt Bart Vander Plaetse. So wurde das jährliche Treffen mit den Länderchefs aller Projektländer Ende April in der Schweiz abgesagt.

In Bern selbst hat FAIRMED das Büro an der Aarbergergasse für Besucherinnen und Besucher geschlossen. Die Mitarbeitenden arbeiten aber grösstenteils im Home Office weiter und sind per E-Mail uneingeschränkt erreichbar. Die Telefonzentrale ist daher nur noch unregelmässig besetzt.