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Wortgefecht mit Überraschung

Was benötigen die Baka-Pygmäen im Dorf Njibot im Südosten Kameruns am dringendsten? Wir haben einen Ausschuss der Dorfbevölkerung getroffen.


In der sengenden Hitze haben die Bewohner von Njibot ein Zeltdach aus Palmwedeln für uns aufgestellt. Wir müssen den Kopf einziehen, um uns darunter zu setzen und etwas Schutz vor der unerbittlichen Tropensonne zu bekommen. Nachdem uns die Baka mit Trommeln und Tänzen begrüsst haben, eröffnet FAIRMED-Mitarbeiter Simon Nkok die Diskussion. «Zählt die drei Dinge auf, die ihr am dringendsten benötigt.»

Sofort antwortet eine ältere, resolute Dorfbewohnerin: «Am dringendsten brauchen wir einen Trinkwasserbrunnen. Jetzt müssen wir das Wasser an der Strasse unten holen, der Weg ist weit, das Trinkwasser vom aufgewirbelten Staub schmutzig. Die Frauen und Kinder, die das Wasser holen, sind in Gefahr, weil die Holz-Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit an der Wasserstelle vorbeirasen.»

Dorftreffpunkt? Neue Fussballtricots? Fernseher für alle?

Ein älterer Mann entgegnet: «Wir brauchen viel dringender Unterhaltungsmöglichkeiten. Die Jungen wandern aus unserem Dorf in die Nachbardörfer ab, weil wir keinen Treffpunkt, nicht mal einen Fernseher haben.» «Ja», pflichtet der Mann zu seiner Rechten bei. «Und unsere Fussballmannschaft braucht Tricots, dann wäre unser Dorf attraktiver.» «Nein, am wichtigsten wäre für uns eine Schule im Dorf», entgegnet eine junge Frau. «Dann hätten unsere Kinder nicht einen so weiten Schulweg und würden nicht so schlecht behandelt wie in der Schule im Nachbardorf – das ist ein Bantu-Dorf, und von den Bantu werden wir wie Dreck behandelt.»

«Aber das Gesundheitszentrum ist doch auch in einem Bantu-Dorf! Auch dort werden wir wie Untermenschen behandelt. Wichtig wäre, dass wir hier im Dorf ein eigenes Gesundheitszentrum hätten!», ereifert sich ein junger Mann. «Es ist doch klar: Wir brauchen Macheten und Schubkarren für die Arbeit auf dem Feld», bringt sich seine Sitznachbarin sichtlich aufgebracht ins Gespräch.

Die Diskussion wird immer hitziger und heftiger, die Wünsche werden immer lauter und wilder gestikulierend vorgetragen, die Männer fallen den Frauen ins Wort und umgekehrt. «Genug», unterbricht FAIRMED-Mitarbeiter Simon Nkok den Streit. «Ich mache euch einen Vorschlag. Ihr zieht euch in einer Frauen- und einer Männergruppe zurück und kommt in einer Stunde mit den zwei wichtigsten Dingen zurück, die ihr braucht.»

Überraschung nach Diskussion in Gruppen

Eine Stunde lang reden die Frauen und die Männer zusammen. Sie diskutieren nicht mehr laut und durcheinander, sondern ruhig und sachlich, alle hören einander zu. Als wieder alle unter dem Zeltdach versammelt sind, trägt eine Frau, die in der ersten Diskussionsrunde gar nicht zu Wort kam und eher zu den Schüchternen gehört, mit leiser Stimme vor, zu welchem Schluss die Frauen gekommen sind: «Wir brauchen erstens einen Trinkwasserbrunnen und zweitens eine Schule.» Die anderen Frauen nicken. Die Männer schauen erstaunt.

Nun tritt der Sprecher der Männergruppe vor und verkündet, ebenfalls ganz leise: «Wir brauchen erstens einen Trinkwasserbrunnen und zweitens eine Schule.» Jetzt schauen die Frauen erstaunt. Und als den Frauen und Männern klar wird, dass sie beide genau dasselbe in derselben Reihenfolge wollen, beginnen sie zu lachen. Auch Simon Nkok lacht. «Das ist grossartig. Ich freue mich, dass ihr euch einig geworden seid, was ihr am nötigsten braucht – nur so können wir euch dabei unterstützen, dass ihr ein besseres und gesünderes Leben führen könnt.»

Nomaden werden sesshaft – die Probleme der Baka

Die Baka-Pygmäen sind ursprünglich Nomaden. Die Abholzung des tropischen Regenwalds, Wilderei und der Abbau von Bodenschätzen raubt ihnen ihren Lebensraum. Dadurch sind sie gezwungen sesshaft zu werden. Viele Baka-Gemeinschaften leben in grosser Armut und unter prekären gesundheitlichen Bedingungen. Ihre provisorischen Siedlungen liegen an den Transitstrassen. Die Baka-Pygmäen leben ohne Geld und Land und werden von den Bantu unterdrückt und benachteiligt.

Hilfe zur Selbsthilfe – so arbeitet FAIRMED mit den Baka zusammen

FAIRMED unterstützt die Baka-Pygmäen dabei, Massnahmen für eine bessere Hygiene zu ergreifen – zum Beispiel WC’s und Trinkwasserbrunnen zu bauen. Wir leiten die Baka dabei an, eigene Krankenkassen aufzubauen. So können sie, wenn ein Dorfmitglied krank wird, die Behandlung in einem Gesundheitszentrum oder Spital aus der Gemeinschaftskasse finanzieren.

FAIRMED versorgt die Baka mit Verbänden, Schmerz- und Entwurmungsmitteln. Wird ein Dorfmitglied ernsthaft krank, organisiert FAIRMED den Transport des Patienten ins Spital oder nächstgelegene Gesundheitszentrum. Wir unterstützen die Baka auch dabei, mit Ackerbau und Viehzucht ihre Ernährungssituation zu verbessern. Ausserdem ermutigen wir sie dabei, ihre Bürger- und Landrechte einzufordern.