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Zu arm, um zu genesen

Wer arm ist und krank wird, droht noch tiefer in die Armut abzusinken – so wie der indische Ziegenhirte Kashiram. Obwohl seine Füsse von Lepra verstümmelt sind, rennt er von früh bis spät über die Wiesen, damit ihm keine seiner Ziegen entwischt. Im gleichen Land profitiert eine zunehmende Mittelschicht vom rasanten Wirtschaftswachstum – FAIRMED setzt sich dafür ein, die Folgen dieser wachsenden Ungleichheit abzufedern.

Im ländlichen Indien leben viele unterhalb der Armutsgrenze.


Das Dorf Charanpudi im indischen Bundesstaat Maharasthra ist weit abgelegen und nur über eine schmale Naturstrasse erreichbar. Wer hier lebt, ist arm und hält sich mit Ackerbau oder Viehzucht knapp über Wasser, so wie der 55-jährige Kashiram Lasha Pawar. Er besitzt nur zwei Ziegen. Damit er und seine Frau überleben können, hütet er tagaus, tagein die Ziegen der Nachbarn. «Deine Geschwüre an den Füssen können nicht richtig heilen, wenn du jeden Tag soweit läufst», tadelt ihn die Asha* Bharatibai. «Durch die Belastung schliesst sich die Wunde nicht. Du musst sie jeden Tag pflegen.»

Früherkennung verhindert Verstümmelung
Kashirams Füsse sind von Lepra verstümmelt, er hat offene Wunden und macht die sechsmonatige Behandlung mit Antibiotika durch. Aber Kashiram kann seine Füsse nicht hochlagern, um zu genesen: «Meine Frau und ich würden verhungern. Aber ich bin froh, dass FAIRMED meine Krankheit erkannt und mich während der Behandlung begleitet hat.» Während des Gesprächs entdeckt die Asha Bharatibai auf dem Rücken von Kashirams Frau Shewenti einen verdächtigen weissen Hautflecken. «Es könnte sein, dass du dich auch mit Lepra angesteckt hast. Wir werden das dem Arzt zeigen. Wenn es Lepra ist, müssen wir die Krankheit sofort behandeln. Du musst nicht Angst haben, dass du Verstümmelungen davonträgst. Das würde nur passieren, wenn die Krankheit bereits weit fortgeschritten wäre. Du hast Glück!»

Die indische Zivilgesellschaft übernimmt Verantwortung
Wie das Beispiel von Kashiram und Shewenti zeigt, leben in Indien viele Menschen in grosser Armut und haben nur bedingt Zugang zu ärztlicher Hilfe. Gemäss Weltbank leben im ländlichen Indien 25 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Gleichzeitig wächst Indiens Mittelschicht schneller als in den meisten Ländern der Welt. «Reichtum und Armut liegen in Indien sehr nahe beieinander», erklärt René Stäheli. «Als wir im Hotel ankamen, stellten wir fest, welchen Luxus sich die Menschen dort leisten konnten – in unmittelbarster Nähe zur extremsten Armut. Betroffen von diesem scharfen Kontrast, beschlossen wir, bei den Indern die Solidarität für die Armen ihres Landes zu fördern und Beiträge für konkrete Projekte zu sammeln.» Dieses Unterfangen war nicht sofort von Erfolg gekrönt, wie Stäheli betont: «Wir mussten die kulturellen Unterschiede beim Spendenverhalten kennenlernen und vieles ausprobieren.» Inzwischen ist das Fundraising in Indien auf Kurs. «Rund die Hälfte der FAIRMED-Projekte in Indien wird inzwischen durch indische Spendengelder finanziert», sagt Stäheli. «Unser mittelfristiges Ziel ist, dass das indische Programm mit indischem Geld und mit indischem Know-how funktioniert.»

*Ashas (Accredited Social Health Activists) sind freiwillige Gemeindearbeitende. Sie werden vom indischen Gesundheitsministerium pro gefundenem und betreutem Leprapatienten bezahlt.
Siehe auch: https://www.fairmed.ch/ein-tag-im-leben-einer-asha