Die drei Gesundheitsbezirke Malantouen, Yoko und Bankim im Westen Kameruns sind vom Fluss Mapé von ihrer Umwelt abgeschnitten. FAIRMED-Mitarbeiter Njussa Oumarou, den wir auf der Fahrt über eine holprige Strasse nach Njipkara begleiten, erzählt: «Um von ihren Dörfern zum Gesundheitszentrum oder ins Spital zu gelangen, müssen die Leute hier in der Region zuerst mit dem Boot den Fluss überqueren und lange Strecken auf schwierigen Wegen zurücklegen.» Um diese und weitere Hürden zur Gesundheitsversorgung der Menschen im Gebiet zu überwinden, hat FAIRMED vor zwei Jahren gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden Kameruns das Gesundheitsprojekt «Mapé» gestartet.
Kaum Strom und fliessendes Wasser
«Der Stausee und die neuen Flussarme, die durch den in den Achtzigerjahren gestauten Mapé-Fluss entstanden sind, wirken sich auf die Umwelt aus und begünstigen die Ausbreitung von vernachlässigten Tropenkrankheiten, zum Beispiel die Bilharziose, die bereits während eines kurzen Fussbads im Flusswasser übertragen werden kann», fährt Njussa Oumarou fort. «Die neuen Flussarme verschärfen aber auch die abgelegene geografische Lage der vielen armutsbetroffenen Menschen im Projektgebiet. Dazu kommt, dass die Strassen während der Regenzeit von Mai bis September kaum befahrbar sind. Viele Menschen sind deshalb nicht in der Lage, innert nützlicher Frist einen Gesundheitsposten oder das Spital aufzusuchen. Tun sie es doch, riskieren sie, durch die Transportkosten ihre wirtschaftliche Lage noch weiter zu verschlechtern», erzählt Njussa Oumarou weiter. Nur die Dörfer in unmittelbarer Nähe zum Staudamm sind mit Strom versorgt, Mobiltelefone besitzen die Wenigsten. Auch die meisten Gesundheitsposten und das Distriktspital verfügen nicht über Strom und fliessendes Wasser.
Ein Stock gibt Gladys die Würde zurück
Im Dorf Njipkara treffen wir Gladys Ndjapla, die ihr Augenlicht verloren hat. Sie erzählt uns: «Ich hatte viel mehr als nur mein Sehvermögen verloren. Ich hatte den Platz in der Welt, die ich mit eigenen Händen erschaffen hatte, verloren!» «Ja», bekräftigt FAIRMED-Mitarbeiter Njussa Oumarou, «Gladys war in Njipkara als starke und respektierte Geschäftsfrau bekannt. Als Mutter von vier Kindern verdientest du das Geld für die Familie, machtest den Haushalt und spieltest eine aktive Rolle im Gemeinschaftsleben. Die Menschen kannten dich als eine Frau, die aufrecht, unabhängig und einfallsreich war.» Dann, eines Tages, begann das Sehvermögen von Gladys zu schwinden. «Zuerst dachte ich, es würde vorübergehen», erinnert sie sich. «Aber die Dunkelheit blieb.» Nach und nach verlor sich ihre Unabhängigkeit. Sie konnte sich nicht mehr sicher allein bewegen. Ihr Geschäft brach zusammen. Die vertrauten Wege ihres Dorfes wurden gefährlich. Und mit der Sehbehinderung kam etwas noch Schmerzhafteres: Das Verlassenwerden. Familienmitglieder zogen sich zurück. Freunde hörten auf, Gladys zu besuchen. Sogar ihre Kinder, gezwungen durch Armut und Umstände, verliessen das Dorf auf der Suche nach einem besseren Leben.
«Mein Leben wandte sich erst wieder zum Guten an dem Tag, als zum ersten Mal Njussa Oumarou im Dorf vorbeikam und mit mir sprach», erzählt Gladys. «Ich habe einen Blindenstock erhalten und Trainings, wie ich den Stock benützen und mich zurechtfinden kann. Ich habe ein neues Leben bekommen: Ich bin nicht mehr verdammt dazu, den ganzen Tag allein zuhause herumzusitzen, kann wieder auf dem Feld arbeiten, meine Nachbarn und Freunde besuchen und an den Versammlungen im Dorf teilnehmen!»
Heute geht Gladys wieder durch ihr Dorf. Langsam, selbstbewusst, mit ihrem weissen Stock, der vor ihr auf den Boden klopft und sowohl ihre Anwesenheit als auch ihr selbstbewusstes Voranschreiten ankündigt. Inzwischen engagiert sich Gladys aktiv in einer lokalen Gruppe für Menschen mit Behinderungen. «Ich möchte andere Menschen mit Behinderungen ermutigen, meinem Beispiel zu folgen und wieder unabhängig und selbständig zu werden.»
Wie uns der FAIRMED-Kollege Njussa Oumarou erzählt, hätte Gladys Erblindung verhindert werden können, wenn ihre Krankheit früher entdeckt und behandelt worden wäre: «Ich gehe davon aus, dass sie an der vernachlässigten Tropenkrankheit Trachom litt, einer schweren bakteriellen Bindehautentzündung der Augen. Wird die Krankheit rechtzeitig mit Antibiotika behandelt, sind die Heilungschancen gut. Ich setze mich dafür ein, dass die Menschen hier frühzeitig die Symptome ihrer Krankheiten erkennen, damit sie keine bleibenden Behinderungen davontragen.»
«Ich will zurück zur Schule » – wie Youssouf gegen ein Buruli-Geschwür kämpft
In Koumban prägen die Kindheit meist Schulglocken, Fussballspielen und Lachen, das durch staubige Wege hallt. Für den 15-jährigen Youssouf Ngouo jedoch nahm die Kindheit eine andere Wendung. «Als die ersten Anzeichen eines Buruli-Geschwürs auftraten, verstand ich nicht, was mit meinem Körper geschah», erzählt Youssouf. «Was als kleine Läsion begann, wurde langsam zu einer schmerzhaften Wunde. Das Gehen wurde schwierig. Mich im Unterricht zu konzentrieren, unmöglich.» Als sich die Krankheit verschlimmerte, musste Youssouf in der 6. Klasse die Schule verlassen. «Ich wollte weitermachen», sagt er leise. «Aber der Schmerz war zu gross.» Das Buruli-Geschwür griff nicht nur Youssoufs Haut an – es raubte ihm auch Zeit, Bildung und Träume, ergänzt FAIRMED-Mitarbeiterin Rachida Mboum: «Für Youssouf und seine Familie löste die Buruli-Erkrankung Angst und Unsicherheit aus. Die medizinische Versorgung war nicht erreichbar, und wie viele Familien zögerte auch Youssoufs Familie, den Jungen zum Arzt zu bringen, in der Hoffnung, dass die Wunde von selbst heilen würde.» Das tat sie nicht.
Alles änderte sich für Youssouf, als die FAIRMED-Mitarbeiterin Rachida Mboum das Dorf Koumban besuchte und den Jungen entdeckte. «Wir haben Youssouf zur medizinischen Behandlung und Nachsorge ins Gesundheitszentrum von Manguiembou gebracht. » Auch heute geht Youssouf ins Gesundheitszentrum, wir begleiten ihn. Rachida sagt: «Die Behandlung ist belastend, aber der Fortschritt ist sichtbar.» Youssouf sitzt still da, während die FAIRMED-Mitarbeiterin seine Wunde reinigt und versorgt. In der Szene liegen Schmerz und Kraft dicht beieinander. Jeder Verband ist ein Schritt nach vorne. Jeder Besuch des Gesundheitszentrums bringt Youssouf der Heilung näher. Trotz chronischer Anämie und körperlicher Schwäche weigert er sich aufzugeben. Mit einer Stimme, die sowohl Leid als auch Entschlossenheit trägt, sagt er: «Auch wenn es schwer ist, weiss ich, dass ich die Krankheit mit dieser Behandlung heilen und zu meinem normalen Leben zurückkehren kann.» Rachida klopft ihm aufmunternd auf die Schulter: «Du bist stark und du schaffst das, Youssouf! Wie gut, dass bei dir die Krankheit Buruli früh genug entdeckt worden ist, so dass du keine Behinderungen davontragen wirst, wieder zur Schule gehen und später einen Beruf erlernen kannst!»
