Lorenz: Nirmala und Ferdinand, herzlichen Dank, dass ihr euch auf diesen Austausch mit mir einlasst. Ich bin gespannt: Wie erlebt ihr Lokalisierung im Kontext von Dekolonisierung? Was läuft gut? Und wo gibts noch Luft nach oben?
Nirmala: FAIRMED hat das Programm 2015 in Nepal mit einer lokalen Länderkoordination offiziell gestartet. Das wurde von den Behörden sehr positiv aufgenommen. Ich arbeite jetzt seit zehn Jahren mit FAIRMED und erlebe die Organisation als offen und vertrauensvoll. Das Team der Zentrale in Bern hört zu, vertraut uns in der Leitung und lässt uns unsere Programme selbst steuern – von der Planung über die Umsetzung bis zum Abschluss. Es ist ein echtes Miteinander, kein «von oben herab». Alle Mitarbeitenden hier vor Ort werden lokal eingestellt, und auch das Personal auf Gemeindeebene stammt direkt aus den Dörfern, in denen wir arbeiten. Das ist enorm wichtig, um lokale Kapazitäten aufzubauen – und es funktioniert.
Ferdinand: Genauso sehe ich das in Kamerun. Ich würde sagen, FAIRMED ist lokalisiert. Für mich zeigt sich das an vier Punkten:
1. Das Team in Bern bezieht das Länderteam in Entscheidungsprozesse mit ein.
2. Die Planung und Umsetzung der Projekte liegt bei uns – Bern begleitet eher im Hintergrund.
3. Die Kapazitäten von Team, Partnern und Stakeholdern werden gezielt gestärkt.
4. Und wir setzen stark auf gemeindebasierte Ansätze, die echte Eigenverantwortung fördern.
Lorenz: Das klingt gut. Aber lasst uns nochmal einen Schritt zurückgehen – was bedeutet «Lokalisierung» oder «Dekolonisierung» für euch persönlich?
Ferdinand: Für mich gehts darum, Macht konkret zu verlagern: Entscheidungen, Ressourcen, Verantwortung und Führungsrollen – von internationalen Organisationen zu nationalen Akteuren und, wo möglich, weiter zu lokalen Gemeinschaften. Das Ziel: lokal geführt, lokal getragen. Die Menschen vor Ort sollen den Rahmen setzen. Internationale Partner unterstützen – aber sie führen nicht.
Nirmala: Ganz genau. Und ich finde, Lokalisierung bedeutet auch, dass wir die Bedürfnisse und Kontexte vor Ort wirklich verstehen. Entscheidungen, die lokal getroffen werden, sind realistischer, relevanter – und sie werden auch viel eher von der Bevölkerung und den Behörden akzeptiert. Das schafft nachhaltige Wirkung.
Lorenz: Verstehe. Aber ich nehme an, das ist nicht immer einfach. Wo seht ihr die grössten Herausforderungen?
Nirmala: Ganz ehrlich: beim Mindset. Regierungsstellen, Partner-NGOs – manchmal sogar eigene Mitarbeitende – zweifeln Entscheidungen an, wenn sie lokal getroffen werden. Aber sobald sie hören, dass die Organisationsleitung dahintersteht, ist alles okay. Das zeigt, wie viel vom Vertrauen der Zentrale abhängt. Wenn das da ist, funktioniert Lokalisierung. Wenn nicht, wirds schwierig. Ich finde deshalb, solche Prinzipien müssen klar in der Strategie und in den Reglementen der Organisation verankert sein – damit es nicht von Einzelpersonen abhängt.
Ferdinand: Ich sehe das genauso. Eine grosse Frage ist für mich: Wie messen wir eigentlich, wie viel Entscheidungsmacht wirklich verlagert wurde? Wo hört der Einfluss von Bern auf? Wo beginnt echte lokale Autonomie? Ein weiteres Problem: wenn Geldgeber bestimmte Ansätze vorgeben, die aber nicht zum lokalen Kontext passen. Da entsteht oft ein Spannungsfeld.
Und grundsätzlich: Lokalisierung und Dekolonisierung gehen nicht automatisch an die Wurzeln des Machtungleichgewichts. Wir verschieben Macht – aber die Strukturen dahinter bleiben oft bestehen. Und dann ist da noch die Sprache: Begriffe wie «Lokalisierung» oder «Dekolonisierung» werden ganz unterschiedlich verstanden. Und leider finden viele dieser Diskussionen immer noch hauptsächlich unter nördlichen Partnern statt.
«Lokalisierung und Dekolonisierung gehen nicht automatisch an die Wurzeln des Machtungleichgewichts. Wir verschieben Macht – aber die Strukturen dahinter bleiben oft bestehen.»
Lorenz: Starke Punkte. Aber was sind aus eurer Sicht die wichtigsten Vorteile?
Ferdinand: Ganz klar: Lokale Expertise wächst. Führung wird gefördert. Die Menschen fühlen sich respektiert und gehört. Und wir lernen auch selbst viel – es ist ein beidseitiger Prozess. Ausserdem sind kulturell angepasste Ansätze einfach wirksamer.
Nirmala: Ich stimme zu. Lokalisierung fördert nicht nur Fähigkeiten, sondern auch den Austausch zwischen Zentrale und Länderteams. Und für die Zentrale ist das auch eine Chance, die eigene Rolle neu zu denken – mehr als Unterstützerin, weniger als Steuerzentrale.
Lorenz: Was würdet ihr euch noch zusätzlich von FAIRMED wünschen?
Nirmala: Ich fände es gut, wenn die Zentrale die eigenen Lokalisierungsbemühungen systematisch reflektiert – und uns vor Ort stärker einbezieht. Vielleicht könnte man gute Beispiele identifizieren, dokumentieren und – angepasst an den jeweiligen Kontext – auf andere Länder übertragen.
Ferdinand: Ich sehe das auch so. Eine klare Analyse wäre sinnvoll: Wo steht FAIRMED in Sachen Lokalisierung? Wie viel Entscheidungsraum liegt wirklich bei den Ländern oder sogar bei den Gemeinden? Wir sollten auch unsere Erfahrungen – positive wie negative – stärker teilen. Und ganz wichtig: Wir müssen schauen, wie wir auch auf nationaler Ebene Einfluss nehmen können. In vielen Ländern sind staatliche Strukturen sehr zentralisiert – das steht echter Nachhaltigkeit oft im Weg.
Lorenz: Danke euch beiden. Dieses Gespräch hat nochmal deutlich gemacht: Lokalisierung und Dekolonisierung sind keine abstrakten Begriffe – sie betreffen unseren Alltag. Und wir haben noch einiges vor uns.
Das Gespräch und die Abschlussnoten, welche die beiden FAIRMED geben (6,5 und 8 von 10) zeigen mir: Wir sind nicht schlecht, doch es gibt noch viel zu tun. Das Wissen und die Nähe unserer Mitarbeitenden, die aus den Ländern und Regionen unserer Projektländer kommen, sind ein grosses Plus und ein Schritt in die Nachhaltigkeit. Andererseits werden wir uns weitere Gedanken machen, wie wir noch mehr Verantwortung lokalisieren und dabei unsere Strategie und unsere Qualität über alle Länder garantieren können. Sicher werden wir dies systematisch reflektieren, in entsprechenden Austauschgruppen unter NGOs beitragen und lernen und uns Gedanken über die Frage dezentraler Entscheidungsprozesse machen. Wir bleiben dran!