FAIRMED vor Ort: Was hat dich bewogen, 1998 nach Westafrika zu reisen und als Volunteer im nigerianischen Gesundheitswesen zu arbeiten
Carmen Müller: Ich interessierte mich für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Bevor ich diesen Berufszweig wählte, wollte ich eigene Erfahrungen vor Ort machen und als Volunteer arbeiten.
Und so hast du auch von Nahem miterleben können, wie es den Menschen dort wirklich ging
(lacht) Ja, das herauszufinden musste ich mir erkämpfen! Denn zuerst wurde ich vom Berufsaustauschprogramm, bei dem ich mitmachte, in ein Privatspital geschickt, in dem nur die reiche Oberschicht behandelt wurde. Ich wohnte bei Professoren, die mich am Morgen mit der Ambulanz ins Spital fahren wollten. Zum Glück konnte ich es durchsetzen, in das öffentliche Kinderspital der nigerianischen Hauptstadt Lagos zu wechseln.
Wie war es dort?
Oft hatten wir tagelang keinen Strom, die Geräte zur Versorgung der Neugeborenen funktionierten nicht, es gab kein fliessendes Wasser. Wenn die kranken Kinder Medikamente brauchten, mussten die Eltern sie ihnen in der Apotheke auf dem Gelände kaufen. Wenn sie zu wenig Geld hatten, konnten sie sie nicht kaufen, und ihre Kinder konnten nicht behandelt werden. Für mich war das sehr schwierig auszuhalten und ich fragte mich: Wie kann es sein, dass die Gesundheitsversorgung so ungerecht ist?
Was hat dir geholfen, dies auszuhalten?
Da es uns an so vielem fehlte, was es meiner Meinung nach in einem Spital geben sollte, fokussierte ich darauf, was ich ohne all diese Mittel machen konnte: Ich konnte für die Kinder, die unter Schmerzen litten, und für die Eltern die an den Sterbebetten ihrer Kinder sassen, da sein, ihnen Empathie und Nähe geben.
Kannst du uns ein Beispiel erzählen?
Ja, als ich nach meiner Zeit im Kinderspital in einem medizinischen Ambulatorium auf dem Land arbeitete, suchte uns eine Frau mit starken Geburtswehen auf, deren Baby quer lag. Die Hebamme kümmerte sich ausschliesslich darum, die Frau zu retten, die bereits ganz schwach war. Als das Baby auf der Welt war und die Frau starke Blutungen hatte, liessen sie das Baby, das eine graublaue Farbe hatte, einfach liegen. In ihrem Denken war es wichtig, dass die Frau, die bereits Mutter mehrerer Kinder war, überlebte, das Neugeborene war vernachlässigbar. Aber das hielt ich nicht aus. Als Schweizer Kinderkrankenschwester war ich darauf konditioniert, das Leben des Kindes auch zu retten. So begann ich, das Baby Mund zu Mund zu beatmen, und oh Wunder – es begann zu atmen! Ich habe mir keine Sekunde überlegt, was es für die Familie bedeuten könnte, wenn das Kind aufgrund von Atemnot während der Geburt später behindert sein würde. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die eigenen Werte zu hinterfragen, wenn wir uns als Europäerinnen und Europäer in afrikanische Gesundheitsbelange «einmischen».
«Ich war darauf konditioniert, das Leben des Kindes auch zu retten.»
Du hast dann anschliessend mitgeholfen, dieses Gesundheitsambulatorium auf- und auszubauen.
Ja, zusammen mit einer anderen Europäerin hatte ich mich einige Zeit lang in der Prävention von HIV engagiert. Wir stellten fest, dass wir als weisse Frauen sofort Zugriff auf alles nötige Material bekamen, das der Staat für die HIV-Kampagne zur Verfügung stellte, im Gegensatz zum Ambulatoriumsleiter, der mehrfach vergebens nach dem Material gefragt hatte. Wir fanden also, dass wir diesen Bonus als weisse Frauen ausnutzen und damit zur Verbesserung des Gesundheitswesens beitragen wollten.
Später bist du in die Schweiz zurückgekehrt und hast dich zur Fussreflexzonentherapeutin ausbilden lassen. Wie ist es dazu gekommen
Durch meine Erfahrung im nigerianischen Gesundheitswesen war mir klar, dass ich zwar weiterhin in der Medizin arbeiten wollte, jedoch mit einer Methode, bei der es keine Materialien braucht, die fehlen könnten. So kam ich auf die Fussreflexzonentherapie. Lustigerweise ist bei mir diese Methode bereits von Kindesbeinen an mit Entwicklungszusammenarbeit verbunden. Meine Eltern haben die Missionsgesellschaft Bethlehem Immensee in Taiwan unterstützt, und Pater Eugster war in Taiwan als Geistlicher und Fussreflexzonentherapeut. Bei seinen Reisen in die Schweiz besuchte er meine Eltern und behandelte ihre Füsse mit Reflexologie. Ich habe erlebt, dass die Methode tatsächlich wirkt, und ich war beeindruckt vom Engagement des Paters in Taiwan.
Hast du die Fussreflexzonentherapie auch angewandt, als du wieder nach Afrika zurückgekehrt bist?
Tatsächlich! Ich habe meine Diplomarbeit darüber geschrieben, wie nigerianische Kinder im Gegensatz zu Schweizer Kindern auf die Methode reagieren. Für die nigerianischen Kinder war die Methode fremd, aber sie fühlten sich geehrt, dass ich ihre Füsse berührte.
Spielten beim Entscheid, in die Naturmedizin zu gehen, auch deine Erfahrungen mit afrikanischen Heilerinnen und Heilern eine Rolle?
Da ich bereits vor meinen Jahren in Westafrika in Arlesheim eine zweijährige Weiterbildung in anthroposophischer Medizin gemacht hatte, war ich schon vorher auf der Suche gewesen nach einer ganzheitlicheren Auffassung von Medizin. In Afrika beobachtete ich dann, dass die Heilerinnen und Heiler oft auch in den Spitälern miteinbezogen wurden.
Du würdest also sagen, dass deine Arbeit von der afrikanischen Medizin inspiriert ist?
Auf jeden Fall! Wenn man weniger hat, kann das eine Chance sein, um zuletzt mehr zu haben! Wenn man sich weniger in den vielen verschiedenen Diagnosewerten eines Menschen verliert, steigt die Chance, ihn als ganzen Menschen zu sehen, zu bemerken, wie es seinem Körper geht, ihn genau zu beobachten. Ich denke, es braucht im Gesundheitswesen viel Kreativität, und diese geht uns in unserem hoch technisierten Schweizer Gesundheitssystem manchmal verloren. Wir können von Afrika lernen, mit wie wenig wie viel erreicht werden kann. Und auch, wie ohne jeden Achtsamkeitskurs die Menschen es schaffen, völlig präsent und freudig im Hier und Jetzt zu sein. Ich vergesse nie, wie die Kinder in Lagos auf die Strasse rannten und «Nepa, Nepa!» riefen, weil es für einige Minuten Strom gab. In der Einfachheit liegt das grösste Glück!
Du hast am eigenen Leib erfahren, was es heisst, an tropischen Krankheiten zu leiden.
Oh ja. Ich hatte viermal Malaria, einmal sehr schwer, aber auch Typhus und Dengue. Es ist schwer abzuschätzen, welche Langzeitwirkungen diese Krankheiten auf unsere Körper, die nicht an sie gewöhnt sind, haben. Ich vermute jetzt mal, dass meine Leber schon ein bisschen in Mitleidenschaft gezogen worden ist.
Du würdest dich also nicht mehr dem Risiko dieser Krankheiten aussetzen und also nie mehr in die Tropen reisen?
(lacht) Doch, doch! Aber ich würde sehr gut auf die Tipps der Menschen vor Ort hören und mich gut schützen.
Wie?
Als Erstes würde ich einen sehr guten Mückenschutz in Form von Spray, Moskitonetz und Kleidern, die Arme und Beine bedecken, mitnehmen. Dann eine gut bestückte Reiseapotheke mit Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel, Schmerzmitteln und Antihistaminika einpacken. Und natürlich empfiehlt es sich auch, persönliche Medikamente und einen Wasserfilter mitzunehmen. Und nicht zuletzt eine grosse Offenheit, nicht zu viele Erwartungen und keine starren Pläne. Vertrauen und Gelassenheit sind die besten Reisebegleiter in Westafrika.
Was sind deine Erfahrungen bezüglich Sicherheit
Auf die Einheimischen hören! Sie wissen am besten, wie man sich in welchen Situationen am besten verhält.
Medizinische Reisetipps Kamerun
Für die Einreise nach Kamerun ist eine Gelbfieberimpfung obligatorisch, eine tropenmedizinische Beratung vor Reiseantritt wird empfohlen. Die Grundimpfungen sollten aufgefrischt sein und gegebenenfalls durch Impfungen gegen Hepatitis A, Typhus, Hepatitis B und Tollwut ergänzt werden. Es besteht ganzjährig ein hohes Malaria-Risiko, weshalb eine Prophylaxe empfehlenswert ist.
