Juni 2026

Dankbarkeit und Wertschätzung – FAIRMED verabschiedet sich vom Einsatzland Indien

Nach 66 Jahren endet ein bedeutendes Kapitel: FAIRMED zieht sich aus Indien zurück. So kann FAIRMED seine beschränkten Mittel für Gegenden einsetzen, die besonders abgelegen und medizinisch stark unterversorgt sind. Doch was einerseits ein Abschied ist, ist zugleich auch ein Neubeginn. Denn die Arbeit für Menschen mit Lepra geht weiter. Getragen vom Team vor Ort, welches über die Jahre gezielt gestärkt wurde und den Weg nun als eigenständige Organisation fortsetzt. Diesen Moment nehmen wir zum Anlass, auf fast sieben Jahrzehnte Engagement zurückzublicken und vor allem: Danke zu sagen.

Seit unserer Gründung 1959 setzen wir uns für die ärmsten und am stärksten ausgegrenzten Menschen ein. Am Anfang waren dies für FAIRMED die rund 12 Millionen Menschen, die weltweit von Lepra betroffen waren. Denn viele Erkrankte wurden ausgegrenzt, von der Gesellschaft gemieden und von staatlichen Systemen vernachlässigt. Auch in Indien lebten unzählige Betroffene im Verborgenen und ohne medizinische Versorgung, weshalb FAIRMED ab 1960 Projekte zur Bekämpfung von Lepra in Indien unterstützte.

Weggefährten von FAIRMED, die zu dieser Zeit Lepra-Betroffene in Indien behandelten, erinnern sich an eine erschütternde Realität: Patientinnen und Patienten wurden oft gemieden, medizinische Versorgung war selten und, wenn überhaupt vorhanden, dann unter erschreckenden Bedingungen. Behandlungen fanden in einfachen Nebenräumen statt, Operationssäle waren nur spärlich eingerichtet.

In den 1970er Jahren begann ein entscheidender Wandel: Unter der Mithilfe unserer Mitarbeitenden wurden mehrere spezialisierte Lepraspitäler gebaut, unter anderem in Hubli und Palamaner. Dort erhielten Betroffene Zugang zu professioneller medizinischer Versorgung – von wirksamer medikamentöser Therapie über gezielte Wundbehandlung bis hin zu rekonstruktiver Chirurgie. Allein zwischen 2011 und 2023 wurden in fünf grossen von FAIRMED unterstützten Krankenhäusern über 200'000 Behandlungen durchgeführt – ein beeindruckendes Zeugnis für unser jahrzehntelanges Engagement. Und dennoch wurde mit der Zeit immer deutlicher: Selbst das beste Angebot in den Krankenhäusern allein reicht nicht aus, um die Herausforderungen dieser Krankheit nachhaltig zu bewältigen.

Der wahre Schlüssel liegt in den Gemeinschaften

Sensibilisierung, Früherkennung und der Abbau von Stigmatisierung innerhalb der Gemeinschaften wurden zu zentralen Aufgaben. Menschen sollten erste Anzeichen von Lepra selbstständig erkennen und verstehen: Lepra ist heilbar – und niemand muss ausgegrenzt werden. Gleichzeitig wurden staatliche Gesundheitsfachkräfte geschult, lokale Strukturen gestärkt, Hausbesuche durchgeführt und Behandlungen näher an die Wohnorte der Betroffenen gebracht.

In enger Zusammenarbeit mit der Regierung und Partnern wie der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Vereinigung der Lepra-Hilfswerke ILEP entwickelte sich die Arbeit stetig weiter. Auch neue Themen fanden Eingang: psychische Gesundheit, Migration und deren Einfluss auf Krankheitsverläufe. So entstand Schritt für Schritt ein moderner, ganzheitlicher Ansatz – weg von rein krankenhausbasierter Versorgung hin zu gemeinschaftsorientierten Lösungen und zu Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen auf allen Ebenen des Gesundheitssystems.

  • Der frühere FAIRMEDGeschäftsleiter René Stäheli bei einer Medikamentenabgabe in den Neunzigerjahren.
  • FAIRMED unterstützte das Referenzspital GRETNALTES in Indien seit den 1980er Jahren.

    Eliminierung von Lepra als Ziel

    Heute geht dieser Weg weiter, jedoch ohne die direkte Unterstützung von FAIRMED. Dieser Schritt kommt aufgrund der jüngsten Budget-Kürzungen früher als geplant, war jedoch für die nahe Zukunft vorgesehen. So wurden die Mitarbeitenden vor Ort über die letzten Jahre hinweg systematisch gestärkt und ermächtigt, um selbstständig handeln zu können. Eigene Strukturen wurden aufgebaut, lokale Kompetenzen gezielt gefördert, und mit einem eigenen Fundraising vor Ort wurde eine solide Basis geschaffen. Die Idee dahinter: Verantwortung vor Ort verankern und Menschen im eigenen Land – besonders die wachsende Mittelschicht – aktiv in die Unterstützung von Gesundheitsprogrammen einbinden.

    Dieses Fundament ist massgeblich für eine erfolgreiche Zukunft, denn die Herausforderungen bleiben gross. Zwar ist die Zahl der weltweit diagnostizierten Lepra-Fälle auf etwa 200'000 pro Jahr gesunken. Doch die Dunkelziffer ist hoch – und der grösste Teil der Betroffenen lebt weiterhin in Indien. Deshalb hat sich das Team vor Ort das Ziel gesetzt, entscheidend zur Eliminierung von Lepra beizutragen.

    Dabei wünschen wir ihnen viel Erfolg. Gleichzeitig sagen wir unseren Kolleginnen und Kollegen, allen Weggefährtinnen und Weggefährten sowie allen Partnerorganisationen von Herzen Danke – für sieben Jahrzehnte unermüdliches Engagement, für Vertrauen, Partnerschaft und den gemeinsamen Traum, eine Krankheit zu überwinden, die zu lange Angst, Ausgrenzung und Leid gebracht hat.

    Hilfe dort, wo niemand sonst hinsieht

    FAIRMED zeichnet sich dadurch aus, dass wir dort im Einsatz sind, wo kaum andere Organisationen tätig sind. Wir wählen für unsere Projekte gezielt Länder und Regionen aus, die in überdurchschnittlich hohem Ausmass von vernachlässigten Tropenkrankheiten betroffen sind. Nach dem Grundsatz von «leave no one behind» (auf Deutsch sinngemäss «niemanden zurücklassen») liegt der Fokus dabei auf Gegenden, die besonders abgelegen und medizinisch stark unterversorgt sind.

    Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, prüfen wir regelmässig, wo wir mit unseren begrenzten Mitteln die grösste Wirkung erzielen können. Wir gewichten bei diesen Überlegungen auch, über welche Ressourcen die jeweiligen Länder verfügen. Langfristig ist es immer das Ziel von FAIRMED, sich selbst überflüssig zu machen und Projekte den lokalen Behörden und Gemeinschaften zu übergeben.

    Finanziert wird unsere Arbeit dabei durch eine Mischung aus privaten und institutionellen Spenden sowie der Unterstützung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA , die jedoch rückläufig und ungewiss ist. Das zwingt uns, unsere Aktivitäten kurz- und mittelfristig anders zu planen. Im Rahmen dieser strategischen Überlegungen haben wir uns dazu entschieden, unsere Aktivitäten in Indien abzuschliessen und den lokalen Partnern zu übergeben.

    So bündeln wir unsere Kräfte zu Gunsten von jenen Ländern, Regionen und Menschen, die in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit nur begrenzt Aufmerksamkeit erhalten. Wir versprechen uns von diesem Schritt noch stärker fokussierte, besser ausgestattete und nachhaltigere Projekte in einigen der ärmsten Länder der Welt.

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