September 2025

Die tödlichste Armutskrankheit ist der Biss einer Schlange

In der Klimadebatte stehen oft extreme Wetterphänomene und Naturkatastrophen im Fokus. Aber der weltweite Temperaturanstieg könnte auch weitere, eher unerwartete Auswirkungen haben: Giftige Schlangen siedeln sich näher bei den Menschen an und eine Zunahme von Schlangenbissen stellt arme Länder vor neue Herausforderungen. In Sri Lanka sterben pro Jahr etwa 200 Menschen an Schlangenbissen. Aber auch in Nepal, wo FAIRMED arbeitet, sind Giftschlangen ein zunehmendes Gesundheitsproblem.

Bild: Wikimedia Commons, by Tontan Travel

Ein Gletscher, der sich löst und das Dorf Blatten im Wallis unter einer gigantischen Lawine aus Geröll und Eis begräbt. Eine giftige Schlange in Nepal, die plötzlich im Kinderzimmer auftaucht und ein kleines Mädchen beisst. Beides Ereignisse, die sich an unterschiedlichen Ecken der Erde ereignen und auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. Doch in beiden Fällen stellen sich Fachleute die Frage, warum ehemals sichere Gegenden plötzlich unsicher werden. Und in beiden Fällen wird diskutiert, ob die Klimaerwärmung gewisse Faktoren zumindest ungünstig verstärkt hat. Das Thema Klimawandel weckt häufig Emotionen, und oft werden Schlussfolgerungen nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch gezogen .

In diesen Diskussionen stehen in der Regel die Zunahme an extremen Wetterereignissen und die damit verbundenen Naturkatastrophen im Vordergrund. Bei unserer Arbeit in Nepal sehen wir Anzeichen dafür, dass die Folgen der weltweiten Erwärmung auch ungewohnte Formen annehmen können. Konkret die Arten von Giftschlangen, die vermehrt in den Häusern der Menschen in Nepal auftauchen. Rund 40'000 Menschen werden im nepalesischen Flachland jährlich von Schlangen gebissen und in mehr als 3000 Fällen endet die Vergiftung tödlich. In manchen Fällen müssen den Betroffenen Gliedmassen amputiert werden, was ihnen die Arbeit auf dem Feld verunmöglicht und sie noch tiefer in die Armut drängt.

Gegengift als logistische Herausforderung

Auch in vielen anderen Ländern mit tropischem Klima verursachen Vergiftungen durch Schlangenbisse viel Leid. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt in ihren Statistiken allein für Asien rund zwei Millionen Menschen, die jährlich gebissen werden und Vergiftungen erleiden. Die Anzahl Bisse und die teilweise gravierenden Folgen einer Vergiftung haben die WHO dazu bewogen, Vergiftungen durch Schlangenbisse als Armutskrankheit einzustufen und sie zusammen mit Krankheiten wie Lepra zu den sogenannten vernachlässigten Tropenkrankheiten zu zählen. Und wie viele dieser Krankheiten zeichnen sich auch Schlangenbisse dadurch aus, dass ihre Bekämpfung für arme Länder eine grosse Herausforderung darstellt: Schlangengift kann sich je nach Schlangenart massiv unterscheiden, und für das Produzieren eines Gegengifts ist mitunter das Gift von mehreren Schlangen notwendig – für arme Länder oftmals eine logistische Unmöglichkeit.

Droht Nepal bis 2070 eine «Schlangeninvasion»?

Dass unsere Teams in Nepal melden, Kobras und Co. seien immer öfter anzutreffen, ist daher keine erfreuliche Nachricht. Aber warum treten die Giftschlangen plötzlich viel häufiger in der Nähe von Menschen auf? Eine Studie aus dem Jahr 2024 liefert hierzu mögliche Erklärungen. Statistisch belegbar ist der Einfluss des menschlichen Handelns auf den Lebensraum der Schlangen: Rund 75 Prozent aller Schlangenarten leben in Wäldern und diese werden durch Abholzung, Landwirtschaft und Urbanisierung tendenziell weniger. Veränderungen beim Klima und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen verstärken diesen Effekt und führen dazu, dass Schlangen ihre Umgebung verlassen und in neue Gebiete vordringen. Von rund 2500 bekannten Schlangenarten stuft die WHO knapp 10 Prozent als «medizinisch wichtig» ein. Dies, weil sie eine Gefahr für den Menschen darstellen oder weil ihr Gift für Medizin und Forschung von Bedeutung ist. Die Autorinnen und Autoren der Studie vermuten, dass viele Giftschlangen bis zum Jahr 2070 keine geeigneten Orte zum Überleben mehr finden werden und aussterben könnten.

Löst sich das Problem der Schlangenbisse in Zukunft somit von selbst?

Leider nein, denn die Studie berechnet, dass sich eine kleine Gruppe von Giftschlangen den Veränderungen anpassen und näher an bewohnte Gebiete ansiedeln könnte. Die Anzahl der Giftschlangen in Nepal könnte bis 2070 sogar um vier zusätzliche Arten aus den Nachbarländern zunehmen. Diese Schlangen werden nicht nur eine Gefahr für die Menschen vor Ort darstellen, sondern auch für deren Nutztiere und somit auch für die finanzielle Zukunft ganzer Familien und Gemeinschaften. Das Auftreten von Schlangen, die zuvor nicht einheimisch waren, wird die komplexe Behandlung von Schlangenbissen weiter erschweren. Verstärkt wird dieses Problem durch die Erkenntnis aus der Studie, dass sich Giftschlangen hauptsächlich von armen in noch ärmere Länder verschieben werden. Länder, die bereits jetzt damit kämpfen, Gegengift herzustellen oder zu organisieren.

Giftschlangen dringen in Bergregionen vor

Bei unseren Projekten in Nepal gehört der Umgang mit giftigen Schlangen immer mehr zur Arbeit und zum Alltag. FAIRMED ist aktuell in elf Distrikten tätig, acht davon im Flachland. Im ländlichen Terai sind Vergiftungen durch Schlangenbisse schon seit längerer Zeit ein bekanntes Problem, neuerdings treten Giftschlangen aber auch in den höher gelegenen Hügelgebieten und Bergregionen auf. Ob menschengemacht, durch den Klimawandel bedingt oder durch eine Kombination aus beidem verstärkt: FAIRMED muss sich in Nepal den Herausforderungen stellen, dass immer mehr Menschen von giftigen Schlangen gebissen werden.

Wir gehen beim Kampf gegen Schlangenbisse nach dem Schema vor, das sich auch bei unserem Einsatz gegen Armutskrankheiten wie Lepra oder Elephantiasis bewährt hat: Wir bilden Fachpersonal und freiwillige Gesundheitshelfende aus und weiter, damit sie über grundlegendes Wissen im Umgang mit Schlangenbissen verfügen. In der Region Baglung unterstützen wir die lokalen Behörden beim Aufbau von einem Zentrum für Schlangenbiss-Behandlung und tragen zur medizinischen Ausstattung von weiteren Gesundheitseinrichtungen bei. So leisten wir unseren Beitrag dazu, dass sich das Gesundheitssystem in Nepal schrittweise auf die Herausforderung der zunehmenden Schlangenbisse vorbereiten kann.

Gesundheit und Reisen – Schlangenbisse

Jährlich sterben mehr als 100'000 Menschen an Schlangenbissen, mehr als an den weit bekannteren Tropenkrankheiten Dengue oder Schlafkrankheit. Die WHO will Massnahmen ergreifen, um besonders in ärmeren Ländern günstiges Gegengift zur Verfügung zu stellen. In Sri Lanka leben rund 100 Schlangenarten, von denen jede vierte giftig ist. Experten schätzen, dass rund 60'000 Menschen pro Jahr von Schlangen gebissen werden und rund 200 daran sterben.

So beugen Sie Schlangenbissen vor:
Tragen Sie festes und hohes Schuhwerk, da die Tiere meist aus niedriger Höhe an den Knöcheln angreifen. Seien Sie besonders vorsichtig im Dickicht und Unterholz und warnen Sie die Schlangen allenfalls mit einem Wanderstock durch Schlagen vor. Treffen Sie mit einer Schlange zusammen, versuchen Sie sich mit ruhigen Bewegungen zurückzuziehen und der Schlange einen Fluchtweg zu lassen.

So verhalten Sie sich am besten, wenn Sie oder Ihre Begleitperson von einer Schlange gebissen worden sind:
Nicht alle Schlangen, die beissen, sind giftig, und selbst Giftschlangen verwenden in mehr als der Hälfte der Fälle beim ersten Biss kein Gift. Die tatsächliche Gefahr eines Schlangenbisses ist also immer schwierig einzuschätzen. Behandeln Sie also einen Schlangenbiss IMMER als medizinischen Notfall! Lagern Sie die betroffene Person ruhig und vermeiden Sie einen zweiten Biss. Alarmieren Sie umgehend professionelle Hilfe und lassen Sie die Person ins Spital transportieren. Lagern Sie sie möglichst ruhig und tief und beruhigen Sie die Person, da Panik die Verbreitung des Gifts im Körper beschleunigt. Entfernen Sie einengende Kleidung und Schmuckstücke, markieren Sie den Biss mit einem Stift und merken Sie sich das Aussehen der Schlange. Dies sollten Sie auf keinen Fall tun: Unbedingt unterlassen sollten Sie das Abbinden, Ausschneiden, Absaugen oder Ausspülen der Bisswunde auf eigene Faust, dadurch erhöht sich die Gefahr, dass die betroffenen Gliedmassen absterben.

Diese Informationen wurden freundlich zur Verfügung gestellt vom deutschen Tropeninstitut, Dr. Gontard.