FAIRMED vor Ort: Seit zwei Jahren engagiert sich FAIRMED in Ihrem Einsatzgebiet. Wie schätzen Sie die Wirksamkeit unserer Arbeit ein?
Nadarajah Rathikumar: Ich finde den Beitrag von FAIRMED zur Selbstständigkeit von Menschen mit Behinderungen sehr eindrücklich: Ihre Mitarbeitenden besuchen die Betroenen zu Hause und unterstützen die Familien dabei, ihre Mitglieder mit Behinderungen besser zu integrieren.
Warum ist dies nötig?
Weil es nichts nützt, wenn nur die Mütter die besonderen Bedürfnisse der Betroffenen verstehen. Auch die Väter und Geschwister müssen mitziehen, damit eine vollständige Integration gelingt. Erst wenn die Integration in den Familien gelingt, ist eine Integration in der Gesellschaft möglich. Viele Mütter im Norden sind überfürsorglich, was die Betroffenen daran hindert, selbstständig zu werden. Das führt zu einer übermässigen Abhängigkeit selbst erwachsener behinderter Kinder von ihren älteren Eltern, die sie pflegen. Hier leisten die FAIRMED-Mitarbeitenden einen wichtigen Einsatz, indem sie besonders die Mütter dabei unterstützen, ihre Überfürsorglichkeit loszulassen.
Gibt es noch weitere wichtige Beiträge von FAIRMED für Menschen mit Behinderungen im Norden?
Ja, ich denke, dass FAIRMED die Selbstständigkeit von Menschen mit Behinderungen im Norden revolutioniert hat, da sie als einzige NGO hier diese Menschen zur Priorität macht. Die vielen Rampen und behindertengerechten Toiletten, die FAIRMED ermöglicht hat, sind das Fundament für die Betroenen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Und denken Sie daran, allein in Jana leben 10'000 Menschen mit Behinderungen, viele davon durch den Krieg verursacht. Ich würde sagen, dass in unserer Gesellschaft immer mehr selbstbewusste und autarke Menschen mit Behinderungen unterwegs sind, und dies ist auch FAIRMED zu verdanken.
«Allein in Jaffna leben 10'000 Menschen mit Behinderungen, viele davon durch den Krieg verursacht.»
Was schätzen Sie, wie viele Menschen mit Behinderungen sind denn bereits autark unterwegs?
Ich würde sagen, dass bereits etwa 35 Prozent sich um sich selber sorgen können, ihren Lebensunterhalt selber verdienen oder sogar ihre Familien ernähren. Die anderen 65 Prozent sind noch abhängig von ihren Familien und von der Gesellschaft.
Inwiefern unterscheiden sich Menschen mit Kriegsbehinderungen von Menschen mit anderen Behinderungen, was ihre Selbstständigkeit betrifft?
Viele Kriegsversehrte waren einst körperlich leistungsfähig und zeichnen sich durch eine hohe Willenskraft und Motivation aus, sich um sich selbst und um ihre Familien zu kümmern. Etwa 90 Prozent der Kriegsversehrten haben körperliche Behinderungen, etwa 10 Prozent psychische. Dieser Anteil ist aber seit 2009 am Steigen, wir sehen immer mehr Menschen mit Kriegsbehinderungen, denen es an Tatkraft und Widerstandsfähigkeit fehlt.
Worauf führen Sie das zurück?
Wir wissen es nicht genau. Wirtschaftlicher Stress und familiäre Gründe, auch Traumata könnten die Ursache sein. Wir sehen, dass die Zahl von Kriegsversehrten mit mentalen Problemen stetig steigt. Generell scheint mir die Widerstandsfähigkeit von Erwachsenen während des Krieges besser gewesen zu sein. Sie hat sich nach dem Krieg zusehends verschlechtert.
«Dank der Schulung von FAIRMED zum Rattenfieber konnten wir die Katastrophe viel besser eindämmen.»
Was sind Ihre Beobachtungen über Menschen mit anderen Behinderungen?
Egal, wie sehr sich die Medizinbranche weiterentwickelt, wir sehen nicht, dass Geburtsfehler zurückgehen. Tatsächlich scheint die Zahl der Kinder, die mit Geburtsfehlern geboren werden, zuzunehmen. Obwohl wir in Zusammenarbeit mit FAIRMED bereits viel erreicht haben, Kinder mit Behinderungen in ihren sozialen Fähigkeiten zu stärken und ihnen eine bessere Zugänglichkeit zu Bildung zu ermöglichen, fehlt es an den insgesamt 35 Sonderschulen in Jaffna an speziell ausgebildeten Lehrkräften. Ich würde es begrüssen, wenn FAIRMED auch Lehrkräfte ausbilden könnte in den besonderen Bedürfnissen von Kindern mit Behinderungen, so wie es FAIRMED auch mit Familienmitgliedern und medizinischem Personal erfolgreich macht. Und ich finde es auch wichtig, dass FAIRMED dabei nie den Bezug zu den Tropenkrankheiten ausser Acht lässt. So haben Ihre Kollegen zufällig vor ein paar Monaten eine Schulung zum Umgang mit Rattenfieber durchgeführt.
Können Sie uns mehr dazu sagen?
Wir fanden, dass die Schulung von FAIRMED über Sicherheitsvorkehrungen und Behandlung des Rattenfiebers äusserst nützlich war. Ich erinnere mich, dass ich damals mit Verwunderung daran dachte, dass FAIRMED uns präventiv eine so rechtzeitige und wertvolle Schulung gegeben hatte, als wir kurz davorstanden, sie zu brauchen. Dadurch konnten wir die Katastrophe viel besser eindämmen. Es war eine bisher seltene und wenig bekannte Krankheit in unserer Gegend.
Wie FAIRMED den Ausbruch von Rattenfieber eingedämmt hat
Im Dezember 2024 kam es im Distrikt Jaffna nach starken Monsunregenfällen zu Überschwemmungen, welche die Verbreitung der Leptospirose förderten, da stehendes Wasser die Ausbreitung der Krankheit, die über den Urin von infizierten Ratten erfolgte, begünstigte. Bei vielen erkrankten Menschen wurde zuerst fälschlicherweise Influenza diagnostiziert, doch das Gesundheitsministerium vermutete Leptospirose, was durch Labortests bestätigt wurde. FAIRMED, die einzige NGO, die mit dem Gesundheitsministerium zusammenarbeitet, hat rasch reagiert und zusammen mit den staatlichen Gesundheitsbehörden Massnahmen ergriffen.
So wurden sogleich 69 Ärzte und Gesundheitsinspektoren geschult, die Gemeinden informiert, Plakate aufgestellt und die besonderen Risikogruppen wie Landwirte, Schulkinder und Tagelöhner in Hochrisikogebieten während des Ausbruchs über die Krankheit, die Übertragungswege und die Schutzmassnahmen informiert. Mit diesen Massnahmen ist es gelungen, den Ausbruch der Leptospirose unter Kontrolle zu bringen, so dass es zu keinen weiteren Ansteckungen und Todesfällen mehr gekommen ist und die zuvor erkrankten Menschen vollumfänglich genesen sind.
Was ist Rattenfieber
Rattenfieber, nicht zu verwechseln mit dem Rattenbissfieber, ist eine Variante der Leptospirose. Bei dieser Zoonose werden Bakterien der Gattung Leptospira über Urin, Blut oder Gewebe von infizierten Tieren auf den Menschen übertragen. Die Symptome bei erkrankten Menschen sind grippeähnlich, können aber auch zum Tod führen.
